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14.09.2016

16:34 Uhr

Werner Baumann

Der Blitzstart des neuen Bayer-Chefs

Bayer-Chef Werner Baumann scheut das Rampenlicht. Doch kaum ist der 53-Jährige an die Konzernspitze gerückt, setzt er zum großen Wurf an. Mit der Übernahme von Monsanto könnte Baumann die Branche weltweit aufrollen.

Der Bayer-Chef setzt seine Vision mit dem Monsanto-Kauf um. Reuters

Werner Baumann

Der Bayer-Chef setzt seine Vision mit dem Monsanto-Kauf um.

FrankfurtLange gefackelt hat Werner Baumann nicht. Nur Tage nach seinem Amtsantritt setzte der neue Bayer-Chef zum großen Wurf an und machte im Frühjahr seine Übernahmeofferte für den US-Saatgutriesen Monsanto publik. Nun hat er den Monate anhaltenden Übernahmepoker gewonnen. Knapp 66 Milliarden Dollar (58,7 Milliarden Euro) legt Bayer für den umstrittenen Hersteller des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat auf den Tisch - die höchste Summe, die je ein deutscher Konzern für ein ausländisches Unternehmen gezahlt hat.

Da gehört Mut dazu – Skeptiker würden sagen Chuzpe –, den viele dem Manager mit der runden Brille vielleicht nicht zugetraut hätten. Den Unmut vieler Bayer-Anleger über seine Zukaufspläne hat Baumann natürlich registriert, doch der Mann hat eine Vision: Schon bevor der 53-jährige den Niederländer Marijin Dekkers Anfang Mai bei dem Aspirin-Hersteller ablöste, waren sich Experten sicher, dass der vierfache Vater versuchen werde, in der Konsolidierung der Agrarchemie-Branche zu den Taktgebern zu gehören. „Er wird nicht zögern, einen Deal abzuschließen, wenn der für Bayer passt“, prophezeite damals ein Insider.

Milliardendeal mit ungewissem Ausgang

Welche Dimension hat der Deal?

Es ist die größte Übernahme durch einen deutschen Konzern. Mit einer Bewertung von 66 Milliarden Dollar (knapp 59 Milliarden Euro) stellt der Kauf selbst die später wieder aufgelöste „Hochzeit im Himmel“ zwischen den Autobauern Daimler und Chrysler aus dem Jahr 1998 und die Übernahme des US-Telekommunikationsanbieters Voicestream durch die Deutsche Telekom im Jahr 2000 in den Schatten.

Was treibt den deutschen Konzern?

Durch den Zusammenschluss werden die Leverkusener auf einen Schlag zur Nummer eins auf den Märkten für Saatgut und Pflanzenschutz aufsteigen. Bayer sichert sich nicht nur wichtige Schlüsseltechnologien etwa bei genverändertem Saatgut, sondern kann auch von Monsantos führender Rolle beim sogenannten „digital farming“ – der Nutzung digitaler Techniken für die Landwirtschaft – profitieren.

Aber rechtfertigt das den hohen Preis?

Bayer-Chef Werner Baumann glaubt: Ja. Der Manager sieht angesichts der schnell wachsenden Weltbevölkerung enorme Wachstumschancen im Agrarbereich. Schließlich müssten bis 2050 drei Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Außerdem müsse die Menschheit die Folgen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft in den Griff bekommen. Auch hier könnten Bayer und Monsanto zusammen wegweisende Antworten geben.

Und was spricht gegen die Übernahme?

Zum einen das schlechte Image von Monsanto. Der US-Biotechnologiekonzern steht in Europa seit Jahren wegen seiner gentechnisch veränderten Produkte in der Kritik. Außerdem vertreibt Monsanto den Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Doch ist Baumann überzeugt, die Reputationsprobleme in den Griff bekommen zu könne. Kritiker monieren außerdem die künftige Marktmacht von Bayer und Monsanto - diese gehe zu Lasten von Landwirten und Verbrauchern.

Welche Risiken beinhaltet die Übernahme sonst noch?

Im Wesentlichen sehen die Experten zwei große Herausforderungen: Zum einen die unterschiedlichen Firmenkulturen. Das Beispiel Daimler-Chrysler hat gezeigt, dass auch mit großen Vorschusslorbeeren versehene transatlantische Firmenbündnisse scheitern können. Zum anderen ist der hohe Kaufpreis eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn der zuletzt schwächelnde Markt für Saatgut und Agrarchemikalien in den nächsten Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Doch ob dies wirklich zu erwarten ist, darüber sind Branchenkenner durchaus unterschiedlicher Meinung.

Die Übernahme ist also ein Risiko?

Das auf jeden Fall. Aber sie ist auch eine Chance für den Konzern. Denn sie rundet den Umbau von Bayer vom chemisch-pharmazeutischen Mischkonzern zum Spezialisten rund um die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze ab.

Welche Rolle spielt die Verschuldung?

Die Mega-Übernahme wird die Verschuldung der Leverkusener zumindest kurzfristig kräftig in die Höhe treiben. Angesichts der globalen Niedrigzinsen und eines erwarteten robusten Barmittelzuflusses aus dem laufenden Geschäft erscheint dies vielen Experten aber tragbar.

Ist die milliardenschwere Übernahmen jetzt endgültig unter Dach und Fach?

Noch nicht ganz. Zwar hat die Monsanto-Führung jetzt eine bindende Fusionsvereinbarung unterzeichnet, doch auch die Aktionäre von Monsanto müssen dem Geschäft noch zustimmen und sich bereit erklären, ihre Aktien zum von Bayer gebotenen Preis von 128 Dollar je Aktie zu verkaufen. Allerdings gilt dies als sehr wahrscheinlich. Immerhin bedeutet das Angebot einen Aufschlag von 44 Prozent gegenüber dem Kurs vor Bekanntwerden der Bayer-Übernahmepläne. Außerdem müssen die Kartellbehörden noch grünes Licht geben.

Und was sagen die Behörden?

Trotz der schieren Größe dürfte die geplante Übernahme bei den Kartellbehörden auf vergleichsweise wenig Widerstand stoßen. So ist Monsanto vor allem in Amerika stark, Bayer in Europa und Asien, ein Monopol droht dort daher kaum. Nur bei einzelnen Agrargütern wie Mais könnten Überlappungen die Wettbewerbshüter auf den Plan rufen. Sie dürften aber wohl nur bei einzelnen Produkten Anpassungen verlangen, erwarten Experten.

Bayer ist einer der weltweit führenden Hersteller von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut. Die Branche ist derzeit massiv in Bewegung. So schluckt derzeit der chinesische Staatskonzern Chemchina für 43 Milliarden Dollar den Schweizer Pflanzenschutzproduzenten Syngenta. Ende 2015 wurde bereits der Zusammenschluss der US-Konzerne Dow Chemical und Dupont zu einem neuen Branchenriesen auf den Weg gebracht.

Mit Baumann hatte Bayer ein Eigengewächs zum Aushängeschild gemacht. Schon lange war der Wirtschaftswissenschaftler als Kronprinz von Dekkers gehandelt worden. Seit Mai ist Baumann, der seit 28 Jahren für den Konzern arbeitet, Chef von gut 115.000 Mitarbeitern auf allen Kontinenten. Der Krefelder kam direkt nach dem Studium in Aachen und Köln zu Bayer und war in diversen Funktionen unter anderem in Barcelona und den USA für das Unternehmen tätig.

Die Karriere des Bäcker-Sohns, der als Kind auch mal im väterlichen Geschäft mit anpacken musste, verlief steil. Nach der Übernahme von Schering 2006 war er eine der treibenden Kräfte der Integration des Berliner Unternehmens in den 1863 gegründeten Bayer-Konzern. Nachdem diese Aufgabe erledigt war, wurde er 2009 Finanzchef und fünf Jahre später Strategievorstand. In dieser Schlüsselrolle fädelte er die größten Transaktionen des Konzerns ein und war federführend bei der Übernahme der Gesundheitspräparate-Sparte des US-Konkurrenten Merck vor zwei Jahren.

Baumann selbst, der eine Leidenschaft für ältere Autos hat, beschreibt sich als eher introvertiert: „Ich spreche gerne vor Mitarbeitern, ich bin aber kein großer Freund davon, die große Bühne zu haben.“ Allerdings hat er sich in der Branche längst einen Namen gemacht. Ein Investmentbanker, der eng mit dem neuen Bayer-Chef zusammengearbeitet hat, ist sich sicher: „Baumann wird unterschätzt.“

Sollte ihm nicht nur die Übernahme von Monsanto sondern nun auch noch die erfolgreiche Integration des US-Saatgutriesen gelingen, wäre das mit Sicherheit nicht mehr der Fall. Mit dem Mega-Deal hat sich Baumann, der Anfang Oktober 54 Jahre alt wird, aber schon mal ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk gemacht.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Herr uwe lauer

14.09.2016, 17:41 Uhr

Da freuen sich aber die Amerikaner. Jetzt kann man bald richtig grosse Schadensersatzklagen einreichen. Bis zurück zum Vietnamkrieg und Monsantos "Agent Orange". Eine einzige Katastrophe. Das wird ähnlich enden, wie die Zerschlagung der Farbwerke Höchst.

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