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23.01.2009

18:44 Uhr

Wissenschaftsminister Pinkwart: „in letzter Sekunde“

Privatuni Witten Herdecke gerettet

VonStefan Tillmann

Deutschlands älteste und größte Privatuniversität Witten/Herdecke ist gerettet. In einer achtstündigen Sitzung in der Nacht zum Freitag einigten sich das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium, die Hochschulleitung sowie ein Kreis neuer und alter Geldgeber auf ein Finanzierungskonzept. „Das war sicherlich ein Rettungsakt in letzter Sekunde“, sagte NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP).

Das Hauptgebäude der Privatuniversität Witten/Herdecke. Foto: dpa

Das Hauptgebäude der Privatuniversität Witten/Herdecke. Foto: dpa

BERLIN. Für die Jahre 2009 und 2010 zahlt Minister Pinkwart neben der jährlichen Förderung von 4,5 Millionen Euro zusätzlich jeweils 2,25 Millionen Euro, um einen „echten Neuanfang“ zu ermöglichen. Im Dezember hatte Pinkwart die Landesförderung verweigert, weil er das Geschäftsmodell nicht für tragfähig hielt. Zudem forderte er drei Millionen Euro zurück, die die Hochschule falsch ausgewiesen haben soll.

Nun will die Universität in den nächsten fünf Jahren sieben Millionen Euro in der Verwaltung sparen und dafür 30 von 400 Vollzeitstellen streichen. Der Betriebsrat hat bereits Bereitschaft signalisiert. Durch mehr Studenten und höhere Gebühren soll gleichzeitig der Anteil der Studiengebühren von derzeit sieben auf rund 20 Prozent angehoben werden. Studenten der Humanmedizin müssten künftig insgesamt 41 000 statt 32 000 Euro zahlen, sagte Martin Butzlaff vom Hochschulpräsidium.

Der größte Anteilseigner wird mit 25 Prozent die Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege, die im vergangenen Jahr ihr Engagement nach zwei Jahren eingestellt hatte, weil ein überzeugender Finanzierungsplan fehlte. Mit der ausgewechselten Universitätsspitze um die Geschäftsführer Michael Anders und Günther Hanke sollen die alten Konflikte ausgeräumt sein. Nach Informationen dieser Zeitung übernimmt die Familie Droege auch die vom Land NRW geforderte Bürgschaft in Höhe von zehn Millionen Euro.

Für Droege-Sprecher Peter Steinke ist es „kein klassisches Investment, um Rendite zu machen und die Anteile womöglich später zu verkaufen“, sagte er dem Handelsblatt. Vielmehr behält sich die Familie vor, ihren Anteil zu einem späteren Zeitpunkt der Universitätsstiftung zu schenken, „um die Tür für die Umwandlung in eine private Stiftungsuniversität offen zu halten“.

Die Einlagen alter und neuer Kapitaleigner betragen 16 Millionen Euro. Neben Droege gehören zu den künftigen Gesellschaftern das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, die Software AG Stiftung, die Alumni-Initiative, das Kuratorium, der Studienfonds der Universität und die Stiftung UWH. Zudem steigt die Martinus Consult Rottenburg Stuttgart ein, getragen von der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie will die Einrichtung eines Stiftungslehrstuhls für kirchliche Ethik unterstützen.

Das Ziel ist die Verbesserung der medizinischen Qualität in den kirchlichen Krankenhäusern und eine Beteiligung kirchlicher Krankenhäuser an der universitären Krankenhausorganisation. Ein besonderes Gewicht hat der Ausbau der Lehre und Forschung im Bereich der Medizin, der im Zentrum der Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat stehen wird.

2005 hatte dieser ein vernichtendes Urteil über die Qualität des Medizin-Studiums gefällt. Die Universität musste die Ausbildung der Ärzte umbauen, um vom Wissenschaftsrat die Akkreditierung zu erhalten. Zum 1. Juni 2010 steht die nächste Entscheidung an. Mit der neuen Konzentration auf die Bereiche Gesundheit, Wirtschaft und Kultur will Witten/Herdecke diese Hürde nehmen.

Kritik kam vom Fachhochschul- und Klinikbetreiber SRH, der in der Nacht zum Freitag aus den Gesprächen ausgestiegen war. Für Sprecher Nils Birschmann müsse eine Sanierung spätestens nach drei und nicht erst nach fünf Jahren abgeschlossen sein. „Man bekommt keine Spitzenleute, wenn man fünf Jahre lang ein Sanierungsfall ist“, sagte er dem Handelsblatt. Dabei sei ein Ausbau von Forschung und Lehre unabdingbar. Derzeit würden nur die Hälfte der 1200 Studenten tatsächlich Gebühren zahlen. Das sei zu wenig bei insgesamt 600 Mitarbeitern. Darüber hinaus sah SRH die Grundvoraussetzung nicht erfüllt, dass die Mitbestimmung proportional zu den Anteilen wachse.

Die neuen Gesellschafter scheinen den Rückzug von SRH nicht zu bedauern. Manuel Dolderer, der mit seiner Alumni-Initiative über 800000 Euro gesammelt hatte, glaubt, dass die Hochschule ab 2013 Gewinn machen wird. „Man kann die Zahl der Studenten anfangs auch ohne große zusätzliche Kosten erhöhen, weil die Hörsäle ja oft leer sind“, sagte er dem Handelsblatt.

Droege-Sprecher Steinke sagte nur, dass nun alle in dieselbe Richtung wollten. Und das offenbar langfristig: Nach Informationen dieser Zeitung sollen die neuen Geschäftsführer Anders und Hanke langfristig bleiben.

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