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08.11.2012

17:39 Uhr

Zehntausende Stellen gefährdet

Das Streichkonzert der europäischen Konzerne

VonMartin Dowideit, Christof Kerkmann

Commerzbank, Siemens, Ericsson, ING: Die Liste der Konzerne, die Stellen abbauen, ist lang. Stürzt der Arbeitsmarkt in eine Krise? Für Deutschland geben Volkswirte Entwarnung – und auch für Südeuropa gibt es Hoffnung.

Mehrere zehntausend Stellen stehen bei europäischen Konzernen derzeit auf den Streichlisten.

Mehrere zehntausend Stellen stehen bei europäischen Konzernen derzeit auf den Streichlisten.

DüsseldorfWohlklingende Slogans wie „Fit for Leadership“ (Daimler), „Fox 2013“ (Heidelberg Cement) und „Turbine 2013“ (Air Berlin) können nicht kaschieren, dass die Unternehmen in Deutschland und Europa kräftig sparen. Die Ankündigungen der letzten Tage zeigen: Freie Stellen werden nicht nachbesetzt, ältere Kollegen in den Vorruhestand geschickt oder Mitarbeiter auf Kurzarbeit gesetzt. Schlimmer noch: Etliche Konzerne schrecken auch vor Entlassungen nicht zurück.

Die zahlreichen Meldungen über Stellenabbau führt Rolf Schneider, Volkswirt beim Versicherungskonzern Allianz, auf mehrere Ursachen zurück. Zum einen seien große Konzerne auch in den europäischen Ländern mit Konjunkturproblemen aktiv. „Dort gibt es gravierenden Stellenabbau“, so Schneider. Allerdings seien einige Branchen auch jenseits der Konjunkturschwankungen in Bedrängnis. Dazu zähle etwa die Finanzindustrie.

Stellenabbau in der europäischen Industrie

Siemens

Der Industriekonzern Siemens hat ein Effizienzprogramm angekündigt, dass dem Unternehmen Einsparungen in Höhe von sechs Milliarden Euro bringen soll. Konkrete Zahlen für einen Stellenabbau zwar nicht. Doch werden bereits in einzelnen Bereichen des weitverzweigten Konzerns Arbeitsplätze abgebaut. Gemunkelt wurde, dass am Ende insgesamt 8000 bis 10000 Stellen betroffen sein könnten.

Bombardier

Der Luftfahrt- und Bahnkonzern Bombardier will weltweit 1200 Stellen streichen. Das kanadische Unternehmen begründet den Schritt mit notwendigen Strukturveränderungen und Kosteneinsparungen.

Bombardier bekräftigte zugleich die geplante Schließung des Bombardier-Werks in Aachen. Diese Werksschließung, von der etwa 600 Mitarbeiter betroffen sind, war Mitte Oktober bekannt geworden. Die dort wegfallenden Jobs sind laut Bombardier in der Gesamtzahl von 1200 enthalten. Der Konzern beschäftigt weltweit etwa 70.000 Mitarbeiter.

Ericsson

Der schwedische Telekomausrüster Ericsson zieht Konsequenzen aus dem weltweiten Abschwung in der Branche und baut in seinem Heimatland 1550 Arbeitsplätze ab. Das sind knapp neun Prozent aller Ericsson-Beschäftigten in Schweden, so der Marktführer bei Mobilfunknetzen.

Der harte Wettbewerb in der Branche hat zu einem enormen Preisdruck geführt, zudem investieren Mobilnetzbetreiber angesichts der schwächeren Weltkonjunktur weniger in ihre Infrastruktur.

Outokumpu

Der finnische Konzern Outokumpu hat von ThyssenKrupp die Edelstahlsparte Inoxum übernommen. Die Finnen haben angekündigt, bis zu 850 Arbeitsplätze in Deutschland zu streichen. Das Stahlwerk in Krefeld soll bis Ende 2013 geschlossen werden, das Werk in Bochum könnte 2017 folgen. Seit Jahren wird in der Branche, deren Produkte für Waschmaschinen, Küchenspülen, Besteck oder die Fassaden von Wolkenkratzern verwendet werden, eine Konsolidierung erwartet.

Vestas

Der weltgrößte Windturbinen-Hersteller Vestas weitet seinen Stellenabbau um weitere 3000 Arbeitsplätze auf 6700 aus. Bis Ende 2013 sollten damit noch 16.000 Menschen für Vestas arbeiten. Die Branche hat seit langem mit Überkapazitäten und steigenden Kosten zu kämpfen, Vestas hat darauf bereits mit zwei Runden von Stellenstreichungen reagiert.

BASF

Der Chemiekonzern BASF streicht mehrere hundert Stellen in seiner Bauchemie-Sparte – und begründet dies mit Immobilienkrisen in Südeuropa, die das Geschäft hätten einbrechen lassen.

HeidelbergCement

Der Baustoffkonzern HeidelbergCement hat sein Sparprogramm „Fox 2013“ bereits hinter sich und legt zwei weitere nach: „Leo“ und „Perform“. „FOX“ habe bereits Einsparungen von 241 Millionen Euro generiert, angestrebt waren für 2012 rund 200 Millionen Euro. Bei „Leo“ will der Konzern bis 2014 Logistikkosten in Höhe von 150 Millionen Euro sparen. Durch das zweite Programm soll die Marge im Geschäftsbereich Zement verbessert werden.

Durch die Sparprogramme baute HeidelbergCement fast 1.300 Stellen in Nordamerika, Großbritannien, Spanien und in einigen osteuropäischen Ländern ab. Gleichzeitig kamen aber 600 neue Mitarbeiter in Wachstumsmärkten wie Indien und Indonesien hinzu. Unter dem Strich beschäftigte der Konzern Ende September 53.729 Mitarbeiter.

Richtig rosig sieht es für die Konjunktur in Deutschland mit einem Wachstum von vermutlich knapp unter einem Prozent im kommenden Jahr nicht aus. Aber in anderen Ländern der Eurozone ist die Lage deutlich schlechter. Die Aussichten für das kommende halbe Jahr in der Euro-Zone sind deutlich negativer geworden, teilte das ifo-Institut am Donnerstag mit. Neben der ungelösten Schuldenkrise drückten vor die hohe Arbeitslosigkeit in vielen Euroländern und die damit wegbrechende Nachfrage die Wirtschaft.

„Dem Arbeitsmarkt in Deutschland geht die Luft aus. Weil die Auftragsbücher nicht mehr so gut gefüllt sind, sind die Unternehmen bei den Einstellungen vorsichtig, vor allem die Industrie“, sagt Steffen Henzel vom Ifo-Institut in München. Die Zahl der erst später zu besetzenden Stellen ist in Deutschland ist im September auf rund 179.000 Jobs geschrumpft - rund ein Fünftel weniger als noch vor drei Monaten. Der Rückgang spiegele „die unsicheren Erwartungen der Unternehmen über die weitere Entwicklung der Eurokrise und der Absatzmärkte“ wider, erklärte IAB-Arbeitsmarktforscherin Anja Kettner. Da die Löhne in den letzten Jahren angezogen haben, liegen auch die Kosten höher.

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Auch die Nachfrage sei etwas schlapp, so Ifo-Experte Henzel: Südeuropa kämpfe mit der Eurokrise, China wachse langsamer, die Entwicklung der USA sei unklar. „Wegen der Unsicherheit werden die Erweiterungsvorhaben zurückgestellt“, erklärt der Arbeitsmarktexperte. Das Ifo-Institut erwarte, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland wieder steige – „aber nicht so stark wie in der Vergangenheit“, betont Henzel.

Die Reformen der vergangenen Jahre zeigen immer noch ihre Wirkung. Die verhalten optimistische Prognose gelte allerdings nur, solange sich die Eurokrise nicht wesentlich verschärfe oder es gar zum „Big Bang“ komme.

Die konjunkturellen Dämpfer zeigen sich etwa in der Exportstatistik. So sind die deutschen Ausfuhren im September erheblich ins Stottern geraten. Verglichen mit dem Vorjahresmonat sank der Gesamtwert der exportierten Waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 3,4 Prozent und damit so stark wie seit November 2009 nicht.

Stellenabbau in der Finanzbranche

Finanzbranche - Commerzbank

Die Commerzbank hat ihre neue Strategie für die kommenden Jahre bis 2016 vorgestellt. Details zu einem möglichen Stellenabbau nannte die Bank nicht. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte unter Berufung auf Kenner der Situation berichtet, die Commerzbank könne in den kommenden Jahren 5000 bis 6000 Stellen streichen. Dies entspräche in etwa einem Zehntel der Belegschaft.

Das Privatkundengeschäft eingeschlossen, will die Commerzbank bis 2016 insgesamt zwei Milliarden Euro investieren, wie Konzernchef Blessing erklärte. Zusätzlich solle es auch „Effizienzmaßnahmen“ geben, mit denen der Konzern seine Kosten „stabil“ halten wolle. Die Bank setze ihr „konsequentes Kostenmanagement“ fort.

Finanzbranche - Deutsche Bank

Zwei Monate waren die neuen Deutsche Bank-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain im Amt, da gaben sie Ende Juli bekannt, die Deutsche Bank werde 1900 Arbeitsplätze abbauen. Allein 1500 Stellen sollen im Investment-Banking wegfallen. Deutschland ist von den Streichungen allerdings nur geringfügig betroffen.

Finanzbranche - ING

Der niederländische Finanzkonzern ING hat im Quartal Juli bis September deutlich weniger Gewinn erzielt als von Analysten erwartet und den Abbau von 2350 Arbeitsplätzen angekündigt. Damit passe sich das Unternehmen dem unsicheren Marktumfeld an, teilte das Unternehmen mit.

Zugleich ging der Umsatz der deutschen Industrie deutlich zurück. Er sank gegenüber dem Vormonat um 3,0 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang seit Februar des Krisenjahres 2009.

Handelsblatt Online gibt einen Überblick, mit welchen Problemen europäische Autobauer, Stahlkocher, Banker und Vertreter anderer Branchen zu kämpfen haben.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

08.11.2012, 18:52 Uhr

Ohne Euro ginge es uns viel schlechter.


© Deutsche Politik

tesaro

08.11.2012, 19:14 Uhr

Mit dem eisernen Vorhang und der DM ginge es uns am Besten.

Das war die besten Zeiten und die kommen nie wieder. Was die Zukunft betrifft, möchte ich lieber schweigen.

alkeve

08.11.2012, 21:31 Uhr

die schlechten Zeiten heute, sind die guten von Morgen

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