Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.02.2013

18:45 Uhr

Zum 100. muss sich Deichmann neu erfinden

Schuster, bleib nicht bei Deinen Leisten!

VonTobias Döring

Deichmann hat schon viele Krisen überstanden: Zwei Kriege, drei Reiche – all das konnte den Schuhfabrikanten nicht aus dem Tritt bringen. Die größte Herausforderung trifft ihn allerdings erst jetzt. Sie heißt: Zalando.

Deichmann-Filiale in Dresden: Der Umsatz klettert auf den Rekordwert von 4,5 Milliarden Euro. dpa

Deichmann-Filiale in Dresden: Der Umsatz klettert auf den Rekordwert von 4,5 Milliarden Euro.

EssenVon der Schusterwerkstatt zu Europas größtem Schuhverkäufer: Deichmann wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Das Traditionsunternehmen hat Kaiserreich, Diktatur und Demokratie erlebt, machte in der Zeit aus einem Geschäft mehr als 3300 und hat alle Krisen gemeistert. Derzeit steht es aber wieder vor einer großen Herausforderung: der Konkurrenz im Internet zu trotzen.

Das stationäre Geschäft läuft wie geschmiert. Im vergangenen Jahr verkauften die Essener 165 Millionen Paar Schuhe in 21 europäischen Ländern und den USA. Der Umsatz stieg um 7,4 Prozent auf den Rekordwert von 4,5 Milliarden Euro an, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. In Deutschland konnte Deichmann zulegen, obwohl der Umsatz der Branche zurückging. Zum Gewinn macht Deichmann traditionell keine Angaben.

Heinrich Deichmann: Wie die Bibel den Schuhgroßhändler leitet

Heinrich Deichmann

Wie die Bibel den Schuhgroßhändler leitet

Heinrich Deichmann, Chef von Europas größtem Schuhhändler, lässt sich von der Bibel und Max Weber leiten. Im Gespräch erklärt er, wie es gelingt, eine Firma nach den Grundsätzen der Heiligen Schrift zu führen.

Doch im Online-Handel hat Deichmann einen Gegner, der zuletzt übermächtig schien: Zalando. Der Internet-Shop, der in kürzester Zeit den Schuhhandel im Netz revolutionierte und 2012 rund eine Milliarde Euro umgesetzt haben soll, ist für Deichmann das, was für Film-Zauberer Harry Potter auf der Leinwand Lord Voldemort ist: der dunkle Gegenspieler.

„Du weißt schon wer“ oder „Der, dessen Namen nicht genannt werden darf“ nennen die Zauberer den Lord in Joanne K. Rowlings Filmspektakel. Und auch auf der Deichmann-Pressekonferenz zum 100-Jährigen wird der Name „Zalando“ nicht ausgesprochen, obwohl sich viel um die Zukunft im Web dreht. Marketing-Chef Christian Hackel umschifft den ungeliebten Wettbewerber sogar mit der Formulierung „Konkurrenten wie Görtz und Co...“ – obwohl im von ihm zitierten Vergleich der Online-Shops auch von Zalando die Rede ist.

Was den Deutschen beim Online-Shopping wichtig ist

Zahlungsmethode

„Die von mir bevorzugte Zahlungsmöglichkeit aus­wählen zu können“ nennt mit 87 Prozent eine über­wältigende Mehrheit der Deutschen als wesentliche Anforderung beim Online-Einkauf. Die klassische Rechnung ist dabei nach wie vor das beliebteste Zahlungsmittel. Paypal und Lastschrift/Bankeinzug stehen ebenfalls hoch im Kurs.

Retouren

Unkomplizierte Rücksendemöglichkeiten fordern 80 Prozent der Befragten von ihren Online-Händlern.

Tempo

Besonders geduldig sind die Deutschen nicht, wenn es um ihre Online-Einkäufe geht. Eine schnelle Lieferung ist 80 Prozent der Befragten wichtig.

Lieferkosten

Am besten umsonst: 77 Prozent der Befragten fordern eine kostenlose Lieferung ihrer Ware.

Schnäppchenjäger

Auf das Gefühl, den besten Preis gefunden zu haben, legen 77 Prozent der deutschen Online-Shopper Wert.

Transparenz

75 Prozent der Befragten in Deutschland ist eine transparente Darstellung der Lieferbedingungen wichtig.

Informationen

Die Auswahl an Produkten im Online-Handel ist enorm. Über das gesamte Angebotsspektrum wollen sich 74 Prozent der Befragten gut informiert fühlen.

Produktpräsentation

Vor allem wer viel Geld dafür ausgibt möchte sich die Ware vorher ganz genau ansehen – und das nicht nur im Laden sondern auch online. Eine anschauliche Darstellung des Produkts ist 64 Prozent der Befragten wichtig.

Versandunternehmen

Dass das Versandunternehmen ihm bekannt ist bzw. dass er es vertrauenswürdig findet, erwarten 62 Prozent der deutschen Online-Einkäufer. Elf Prozent der Befragten machen den Einkauf sogar vom Versandunternehmen abhängig. Konkret möchten 30 Prozent der Online-Shopper in Deutschland von DHL beliefert werden, 13 Prozent nannten Hermes.

Nachverfolgung

Sie wollen ganz genau wissen wann ihre Ware wo ist, und wann sie sie endlich in den Händen halten können. 61 Prozent der Befragten wollen daher die Möglichkeit haben, ihre Sendung online nachzuverfolgen.

Flexibilität

Flexible Lieferung ist für 51 Prozent der Befragten wichtig. Wunsch-Lieferkonzepte stehen dabei hoch im Kurs. Jeder Fünfte möch­te wählen können, wo und wann sein Paket zugestellt wird – beispiels­weise bei einem Nachbarn, einer Packstation oder an einem bestimmten Wunschtag. Jeder Vierte der befragten Online-Shopper ist als Kunde bei einer DHL-Packstation registriert.

Quelle: Studie im Auftrag der Deutschen Post: Einkaufen 4.0  - der Einfluss von E-Commerce auf Lebensqualität und Einkaufsverhalten

Deichmann verschweigt den Internethändler aus Berlin nicht nur, das Unternehmen geht den Kampf um Online-Marktanteile auch grundsätzlich anders an. Die Essener setzen ebenso auf Expansion, wollen dabei aber anders als Zalando möglichst organisch wachsen. So will Deichmann mehr von einem wachsenden Segment abbekommen, das Zalando erst geschaffen hat.

Als das aufstrebende Unternehmen 2008 gegründet wurde, gab es in Deutschland kein nennenswertes Online-Geschäft mit Schuhen in Deutschland. Im Jahr 2011 betrug der Umsatz mit Pumps, Sandalen und Stiefeln im Netz schon 917 Millionen Euro – rund zehn Prozent des Einzelhandelsumsatzes. Statt des Zalando-Werbeslogans „Schrei vor Glück“ kamen von Deichmann aber immer leise Töne. „Wir nehmen uns nicht so wichtig“, sagt Firmenchef Heinrich Deichmann zur Firmenphilosophie.

Kommentare (12)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

oha

14.02.2013, 18:53 Uhr

Na wie gut, dass ich immer nach London fliegen muß um halbwegs vernünftige Schuhe zu bekommen.
Aber.
Aber: Deichmann weiß wie man mit Tagelöhnern in China umzugehen hat, wie Zalando, Apple & Co das ja auch weiß: billig, um dem herabgemagerten Kostenbewußtsein seiner Käufer in den reichsten Ländern der Welt beizubringen was das ist: Sklaven zu halten, die einem für ein Butterbrot und ein Ei winterfestes Schuhwerk bauen.

Kann man soviel fressen wie man kotzen müßte?: Deichmann macht es vor: sogar ohne fressen.

Hulu

14.02.2013, 19:32 Uhr

Na ja, Deichmann kann man ja auch nicht gerade als 'hippe' Marke bezeichnen.

Der Name allein wirkt ja schon sehr bieder.

Klar, dass bei der Jugend zalando wesentlich höher im Kurs steht.

Damit kann man auch angeben: 'Hey, hab ich neu von zalando', hört sich ja auch cooler an als: 'Habe ich gestern bei Deichmann gekauft'.

cybis

14.02.2013, 20:07 Uhr

ZALANDO ist nicht profitabel, die Retourenquote abenteuerlich, die Expansionsstrategie bedenklich. Im Grunde ist der Weg für Deichmann einfach: Zalando mit den eigenen Waff
en schlagen. Den Webshop unter neuem Brand duplizieren, Onlinewerbung schalten und mit einer neuen Hippen Onlinemarke Zalando und Amazon angreifen.
Wenn Deichmann geistigbsoweit ist, bitte melden ;)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×