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30.04.2003

09:48 Uhr

Unverbindliche Erklärungen

Zeitbombe Lehrstellenmangel

VonRüdiger Scheidges

Einer musste ja auf Optimismus machen. "In diesem Jahr sind keine gesetzlichen Maßnahmen notwendig", sagte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) in verblüffend guter Stimmung, die er sich auch durch die Ausbildungsmisere nicht verhageln ließ: Wenn der "gewaltige Kraftakt" der Bundesregierung - die "Ausbildungsoffensive 2003" - erst einmal Fuß fasse, würden zu Beginn des Ausbildungsjahres im Herbst nicht wie prognostiziert rund 140 000 Lehrstellen fehlen. Und dann käme es auch nicht zum nächsten gebrochenen Versprechen des Kanzlers.

Das offizielle Logo der Ausbildungsoffensive. Foto: dpa

Das offizielle Logo der Ausbildungsoffensive. Foto: dpa

BERLIN. Clements Strategie, mit dem zur Schau gestellten Optimismus die Diskussion um eine Zwangsabgabe abzuwürgen, ging auf. Vorerst. Denn allen Spitzenvertretern aus Wirtschaft und Gewerkschaften war klar, dass da einer nur noch im dunklen Wald pfiff.

Bereits einige Stunden vor dem gestrigen "Ausbildungsgipfel", bei dem sich die Teilnehmer lediglich gegenseitig versicherten, große Anstrengungen zur Bewältigung der Misere zu unternehmen, hatte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt das Unvermeidliche ausgesprochen: Gerhard Schröders Versprechen, "alle Jugendlichen, die können und wollen, erhalten einen Arbeitsplatz", wird auch in diesem Jahr "nicht im vollen Umfang zu schaffen sein". Im März fehlten für die mehr als eine halbe Million junger Bewerber knapp 60 000 Stellen mehr als im Vorjahr - siehe Text unten. Kein Wunder, dass sich Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), Clement sowie Hundt, DGB-Chef Michael Sommer und auch Handwerks-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer betroffen zeigten über die "gesellschaftliche Zeitbombe" (Sommer) für das neue Ausbildungsjahr.

Nur ein knappes Drittel der Betriebe Deutschlands bildet überhaupt aus - und das mit immer größerer Reserviertheit, die ihnen die schwindsüchtige Konjunktur einflößt. "Das Problem ist eine Folge der dramatischen wirtschaftlichen Lage", wusste Hundt zu melden. Und nicht einmal Berufsoptimist Clement widersprach ihm da. Kein Wunder: Weiß Clement doch wie Sommer, der ihm das vorrechnete, dass bereits 600 000 Menschen unter 25 Jahren ohne Beschäftigung dastehen, 250 000 Jugendliche Sozialhilfe und weitere 64 000 Arbeitslosenhilfe beziehen. "Allen ist klar, dass 30 Prozent der Betriebe da nicht ausreichen", sagte der Wirtschaftsminister. Die "Ausbildungsoffensive 2003" soll helfen, die Quote auf 40 % zu heben. Um binnen eines halben Jahres die rund 140 000 fehlenden Lehrstellen zu schaffen, "werden wir die Klinken putzen", versprach der Sozialdemokrat.

Trotz des ehrgeizigen Ziels gelang es weder Clement und Bulmahn noch Sommer, die Wirtschaft auf verbindliche Zusagen festzuklopfen. Stattdessen heißt es in einer schwammigen gemeinsamen Erklärung der Regierung mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft und den Gewerkschaften: "Die Wirtschaftsverbände sagten zusätzliche Anstrengungen zu, um die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze gegenüber 2002 zu erhöhen."

Im Gegenzug zu diesem Versprechen will die Regierung im Mai die "Ausbildereignungs-Verordnung" für fünf Jahre aussetzen und so ermöglichen, dass mehr Betriebe als bisher ausbilden dürfen. Und zinsfreie Kredite bis zu 100 000 Euro pro Betrieb, der zusätzliche Lehrstellen schafft, sollen zusätzliche Motivation herstellen, hofft die Bundesregierung.

Noch vor Ende der Sommerpause schlägt die Stunde der Wahrheit. Ende Juli, Anfang August wird sich die Ausbildungsrunde erneut treffen und schauen, wie weit das "Prinzip Hoffnung", wie Sommer es nennt, trägt - oder ob dann doch über "gesetzliche Maßnahmen" geredet werden muss.

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