Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.01.2001

18:28 Uhr

Handelsblatt

Uran-Munition könnte UNO-Tribunal beschäftigen

Der Gebrauch von uranhaltiger NATO-Munition auf dem Balkan könnte nach den Worten der UNO-Chefanklägerin Carla Del Ponte ein Fall für das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sein. Del Ponte sagte der italienischen Zeitung "La Repubblica", es gebe neue Fakten, die zu Ermittlungen führen könnten.

Reuters ROM/BERLIN. Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) wies unterdessen Vorwürfe des Bundeswehrverbandes zurück, in den Kosovo eingerückte Bundeswehrsoldaten seien nicht über Gefahren durch Uran-Munition aufgeklärt worden. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon räumte ein, dass von uranhaltiger Munition ein "begrenztes Risiko" ausgehe.

Del Ponte sagte, sie werde zunächst die Ergebnisse von Untersuchungen der Europäischen Union und einzelner Staaten abwarten. "Falls schlüssige Ergebnisse eine Verbindung zwischen der Verwendung der abgereicherten Uranmunition und den Leiden von Soldaten und Zivilisten ergeben, werden wir sofort handeln", sagte sie.

Scharping sagte am Sonntag im ZDF, beim Einmarsch der Bundeswehr in die Region im Sommer 1999 sei auf die Möglichkeit von schwacher Strahlung hingewiesen worden. Seit Mai 1999 habe er regelmäßig Parlament und Öffentlichkeit über den Einsatz von Uran-Munition im Kosovo informiert. Als einziger Verteidigungsminister in der NATO habe er zudem frühzeitig Untersuchungen über eine mögliche Gefährdung der Soldaten durch die Munition veranlasst. Alle Wissenschaftler hätten ihm bestätigt: "Es gibt kein merkliches Risiko durch Strahlung." Er beobachte ein "Hysteriesyndrom" in der Öffentlichkeit. Mit Rücksicht auf die dauerhaft in dem Gebiet lebende Bevölkerung müssten aber die Auswirkungen von Uran-Munition als Schwermetall untersucht werden.

Wie Scharping wies auch der britische Kollege Hoon Kritik an der Informationspolitik zurück. Die britischen Streitkräfte seien sich eines begrenzten Risikos immer bewusst gewesen und hätten ihre Soldaten angewiesen, sich entsprechend zu verhalten, sagte er im Fernsehsender Sky. Hoons Sprecher sagte, es gebe keinen Beweis dafür, das dieses Risiko zu längeren Krankheiten geführt habe. Hoon kündigte an, Großbritannien werde weiter uranhaltige Munition einsetzen, weil diese sich als "erstaunlich effektiv" erwiesen habe und britische Soldaten schütze. Ein Sprecher der britischen Marine hatte am Samstag gesagt, die US-Hersteller der Munition griffen auf Alternativen zurück. Die Entscheidung für einen allmählichen Verzicht sei bereits vor einiger Zeit gefallen. Der Vorrat an werde 2003 erschöpft sein.

Geschosse mit abgereichertem Uran werden vor allem gegen gepanzerte Ziele eingesetzt. Die Munition wurde von der NATO 1999 im Kosovo-Krieg sowie 1994 und 1995 in Bosnien benutzt. Die von den USA angeführte Golfkriegs-Allianz setzte sie auch 1991 im Krieg gegen Irak ein. Mindestens sieben italienische Soldaten waren nach Einsätzen im Kosovo und auf dem Balkan an Leukämie gestorben. Weitere Fälle von Blutkrebs sind unter anderem von Soldaten aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Portugal bekannt geworden. Auch die NATO hat einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der Munition zurückgewiesen.

Der jugoslawische Militärarzt Zoran Stankovic sagte am Samstag, in einem von der NATO 1994 mit Uran-Munition beschossenen Gebiet in Bosnien seien 400 Menschen an Krebs gestorben. Sie hätten zu einer Gemeinde von 4000 Serben gehört, die nach dem Krieg geschlossen ihr Wohngebiet gewechselt habe. Er sei überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz der Uranmunition und den Todesfällen gebe, sagte Stankovic, der in Belgrad an der medizinischen Militär-Akademie arbeitet. Wegen der isolierten Gruppe habe sich der Krankheitsverlauf leicht beobachten lassen. Allerdings sei keine Studie vorgenommen worden, um einen Zusammenhang nachzuweisen.

Aus wissenschaftlicher Sicht sei eine Verbindung zwischen den Erkrankungen der NATO-Soldaten und der Verwendung der Uran-Munition höchst unwahrscheinlich, erklärte dagegen die belgische Atomsicherheitsbehörde auf ihrer Website (http://www.fanc.fgov.be) mit. Die Symptome der Soldaten entsprächen nicht den bislang bekannten Folgen von einer Verstrahlung mit Uran. Zudem seien die Symptome auch bei Soldaten aufgetreten, die sich gar nicht im beschossenen Gebiet aufgehalten hätten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×