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08.06.2000

09:58 Uhr

Urteil der US-Kommentatoren zum Microsoft-Fall reicht von "unerheblich" bis "gravierend"

Microsoft: Und alle Fragen offen

In den USA hat das Microsoft-Urteil ein lebhaftes Echo gefunden. Branchenbeobachter stellen sich schon die Frage, ob Cicso demnächst am Pranger stehen könnte.

jgo DÜSSELDORF. Die "Washington Post " sieht von der Entscheidung nicht nur die Vergangenheit des Softwareriesen betroffen. Der Richterspruch gefährdet nach Auffassung der Zeitung auch die jüngste Vison aus Redmont: "Next Generation Windows Services", NGWS, das neue, nicht länger auf Computer beschränkte Metabetriebssystem.

Nach Angaben leitender Microsoft-Mitarbeiter soll NGWS das Unternehmen radikal neu ausrichten. Als Meta-Betriebssystem werde NGWS gleichermaßen Software-Anwendung und Internetdienst sein und eine Vielzahl technischer Geräte vom Toaster bis zum Telefon miteinander verbinden.

Bill Gates habe zwar gestern zu verstehen gegeben, die Arbeit am neuen System werde unbeirrt fortgesetzt, aber der Microsoft-Chef habe in einer Anhörung vor zwei Wochen selbst eingeräumt, NWGS sei zum Scheitern verurteilt, sollte das Unternehmen zerschlagen werden, schreibt die Zeitung weiter. Ursprünglich habe Microsoft das neue Konzept, dessen Auswirkungen mit der Einfühung von Windows anstelle von DOS vergleichbar sei, schon vorige Woche vorstellen wollen. Nun sei als Termin der 22. Juni angesetzt.

Auswirkungen können vernachlässigt werden

Einen anderen Akzent setzt Red Herring. Dem Urteil komme zwar historische Bedeutung zu. Aber die Auswirkungen auf Verbraucher, Investoren und Microsoft selbst könnten nach einem langwierigen Prozess vernachlässigt werden. Laut "Red Herring" ist die überragende Bedeutung des Unternehmens in Technologie und am Markt in nächster Zeit auch bei einer Zerschlagung nicht zu erwarten. Die riesige Windows-Kundenbasis und neue strategische Pläne, die in eine andere Richtung zielten als die vom Gericht beanstandeten Praktiken sorgten dafür, dass viele die Techniklandschaft auch in Zukunft durch ein von Microsoft entwickeltes Fenster sehen würden, urteilt "Red Herring".

"CBS Marketwatch" kommt zu dem Schluss, das Urteil werde im Desktop-Markt dem Wettbewerb kein neues Leben einhauchen. Interessanter sei vielmehr die Frage, was das Urteil für die sich neu entwickelnden Software-Märkte bedeute. Das Online-Angebot zitierte den Geschäftsführer des Unternehmens BEA-Systems, Bill Coleman, mit den Worten, um Microsofts Innovationsfähigkeit stehe es von jeher nicht zu besten. Coleman, der zuvor beim Microsoft-Rivalen Sun in leitender Funktion tätig war, sagte: "In 20 Jahren hat Microsoft sich immer nur dann bewegt, wenn es durch Wettbewerb dazu gezwungen wurde. Windows war eine Antwort auf Apple. Der Browser war eine Antwort auf Netscape. Und nun versuchen sie, auf die Java-Bewegung von Sun aufzuspringen." Da der Markt für Betriebssysteme an Bedeutung verliere, sei Microsoft bestrebt, das Geschäft auf Anwendungen außerhalb des Desktops auszuweiten. Hier könnten sich durch den Gerichtsbeschluss Komplikationen ergeben, etwa, weil Microsoft nicht länger das Betriebssystem mit dem Windows Media Player koppeln könne.

Geraten nun auch Cisco, eBbay und Intel unter Monopolverdacht?

Monopolfragen würden nicht nach Größe entschieden, schreibt "SiliconValley.com", ein Ableger der "San José Mercury News". Es komme darauf an, wie ein Monopol genutzt werde. Eine Dekade lang hätten sich die Unternehmen im Valley gewünscht, dass Microsoft für ein in ihren Augen wettbewerbsfeindliches Verhalten bestraft werden sollte. Nun stellten sich nicht wenige Beobachter die Frage, ob die Entscheidung im Microsoft-Fall nicht auch Probleme für Unternehmen wie Cisco Systems, Intel, eBay oder Oracle aufwerfe, die ebenfalls in ihrem Feld mit Abstand führend seien. Cisco, Intel und eBay seien immerhin bereits von den Behörden überprüft worden.

SiliconValley.com zitierte aber auch Jim Barksdale, den früheren Netscape-Chef, der das Unternehmen nach hartem Wettbewerb mit Microsofts Browser an Ameria Online verkauft hatte. Er fühle Genugtuung, sagte Barksdale und fügte hinzu: "Wir wünschten uns aber, das wäre schon einige Jahre früher passiert."

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