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08.01.2003

07:24 Uhr

US-Konzerne profitieren

Europas Biotechs bleiben zurück

VonSiegfried Hofmann

In der Biotech-Branche klafft die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Während viele kleine Firmen mit Finanzproblemen kämpfen, können etablierte Biotechpioniere aus dem Vollen schöpfen. Der Kapitalzufluss konzentriert sich immer stärker auf die führenden US-Unternehmen.

FRANKFURT/M. Im globalen Wettbewerb um neue Finanzmittel verliert die europäische Biotechbranche wieder an Boden. Nur zwei Jahre nach dem Gründungsboom scheint die Aufholjagd der Europäer damit gefährdet.

Auch für die Biotechnologie-Firmen ist die Suche nach Finanzierungsquellen schwieriger geworden. Angesichts der anhaltenden Börsenflaute konzentrieren die Geldgeber ihre Mittel wesentlich stärker auf reifere Firmen und ausgewählte Neugründungen. "Es ist nach wie vor viel Kapital vorhanden, aber es ist nicht gleichmäßig verteilt", sagt Biotech-Experte Scott Morrison von der Beratungsgruppe Ernst & Young.

Von dem Gefälle innerhalb der Branche sind europäische Firmen wesentlich stärker betroffen als ihre US-Konkurrenten. Dem Fachinformationsdienst "Biocentury" zufolge flossen bis Ende September insgesamt rund 10 Mrd. $ frische Finanzmittel in den Biotechsektor, davon aber nur noch rund 900 Mill. $ oder knapp 10 % an europäische Firmen. In den Vorjahren konnten diese noch gut ein Fünftel des Kapitalaufkommens auf sich vereinen.

Einen ähnlichen Trend zeigen die Strategien großer Risikokapital- Gesellschaften. MPM Capital etwa, die vor kurzem 900 Mill. $ für einen neuen Biotech-Fonds einsammelte, will davon 80 % in den USA investieren. Bisher engagierte sich MPM noch überwiegend in Europa.

Hauptgrund für die Entwicklung ist der deutlich höhere Reifegrad der US-Biotechindustrie. Während die meisten deutschen und europäischen Biotechfirmen erst in den 90er Jahren entstanden sind, startete die Branche in den USA bereits zwei Jahrzehnte früher. US-Firmen verfügen daher heute über wesentlich mehr Projekte in fortgeschrittenen Entwicklungsstadien und bieten damit die interessantere Investitionsmöglichkeiten. Zudem gehören zur US-Branche inzwischen etwa zwei Dutzend profitable Unternehmen, die bereits eigene Pharmaprodukte vermarkten.

Diese Firmen haben in jüngerer Zeit ihre ohnehin bereits hohe Finanzkraft genutzt, um zusätzliche Liquidität über Anleihen hereinzuholen. Allein der hochprofitable Biotechriese Amgen hat seine Kasse auf diese Weise mit über 2,5 Mrd. $ aufgefüllt. Idec, Genzyme und Biovail warben jeweils mehr als eine halbe Mrd. $ ein und rüsteten sich damit für zusätzliche Investitionen oder Zukäufe. Der Vorsprung der Amerikaner entpuppt sich zusehends als sich selbst verstärkender Effekt: "Viele gut finanzierte US-Firmen schauen sich derzeit auf dem Markt um", sagt Morrisson.

Eine wichtige Rolle spielt auch die mangelnde Erfahrung europäischer Investoren. Wurden Biotechfirmen während des Booms nahezu blindlings finanziert, sind europäische Geldgeber und Anleger zwischen extrem zurückhaltend. "Die Europäer erleben in diesem Sektor gerade ihre erste Flaute, während die Amerikaner mit den Zyklen im Biotech-Geschäft schon lange vertraut sind", erläutert MPM-Partner Michael Steinmetz.

Einen weiteren Vorteil genießen US-Firmen mit der Möglichkeit so genannter Pipe-Finanzierungen (Private Investments in Public Equities). Dabei werden neue Aktien an der Börse vorbei an private Investoren ausgegeben, was zahlreiche US-Biotechfirmen in den vergangenen Monaten genutzt haben.

In Europa steht dem häufig ein zu komplexes Aktienrecht entgegen. Zudem sind hiesige Risikokapitalfonds kaum auf diese Finanzierungsform eingestellt. Angesichts der niedrigen Bewertungen denke man aber intensiv über Pipe-Engagements nach, sagt Helmut Schühsler von der TVM- Gruppe.

Quelle: Handelsblatt

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