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19.07.2000

21:37 Uhr

Reuters MOSKAU. Nordkorea ist nach den Worten des russischen Präsidenten Wladimir Putin unter bestimmten Umständen bereit, sein Raketenbauprogramm aufzugeben. Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte Putin am Mittwoch mit den Worten, Nordkorea wolle dafür Trägerraketen anderer Staaten für die Erforschung des Weltraums zur Verfügung gestellt bekommen. Putin, der sich zwei Stunden mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Il unterhalten hatte, sagte, Kim habe ihm versichert, dass das Raketenbauprogramm des Landes nur friedlichen Zwecken diene. US-Regierungskreise äußerten sich skeptisch zu dem Angebot Nordkoreas.

Wenn Nordkorea auf Trägerraketen anderer Länder zurückgreifen könne, würde es sein Forschungsprogramm ausschließlich auf diese Technik ausrichten, sagte Putin laut Interfax. Dabei sollte nicht nur Russland helfen. Man sollte erwarten, dass auch jene Staaten, die sich von Nordkoreas Raketenprogramm bedroht fühlten, dieses Projekt unterstützen würden, sagte Putin. Man könne die Bedrohung minimieren, indem man Nordkorea Trägerraketen zur Verfügung stelle.

In US-Kreisen beim Nahost-Gipfel in Camp David hieß es, es sei zu früh, um Nordkoreas Angebot zu bewerten. Sprecher des Außenministeriums und von US-Präsident Bill Clinton sagten, das Angebot werde geprüft. Ein US-Vertreter, der nicht genannt werden wollte, äußerte sich aber skeptisch. Nordkorea habe bereits gezeigt, dass es über die Technologie für Mittelstreckenraketen verfüge, sagte er mit Blick auf eine 1998 über Japan abgeschossene Mittelstreckenrakete. Damals habe Nordkorea von einer Trägerrakete gesprochen, die einen Satelliten ins All gebracht habe.

Nordkoreas Raketenbauprogramm wird von den USA als Bedrohung empfunden. Die USA nehmen dies als einen Anlass für die Entwicklung eines landesweiten Raketen-Abwehrsystems. Russland ist ebenso wie China strikt gegen diese Pläne und sieht darin die Gefahr eines neuen Wettrüstens. Auch die Staaten Westeuropas haben Vorbehalte gegen das von den USA geplante System.

Putin traf am Mittwoch als erster Staatschef seines Landes zu einem Besuch im kommunistischen Nordkorea ein. Von China kommend landete Putins Maschine in Pjöngjang, wo er von Staatschef Kim begrüßt wurde. Knapp einen Monat nach dem historischen Korea-Gipfel in Pjöngjang gilt der Besuch Putins als weiteres Zeichen der Öffnung Nordkoreas, das sich über Jahrzehnte von der Außenwelt abschottete.

Nordkorea hat sich stets eng an die Volksrepublik China angelehnt, die lange Zeit ein ideologischer Rivale der Sowjetunion war. Diese zerfiel 1991. Der Besuch Putins gewährt der Welt zum zweiten Mal einen Blick auf den sonst zurückgezogen lebenden Staatschef Nordkoreas. Ins Rampenlicht war Kim erstmals im vergangenen Monat beim ersten Treffen mit seinem südkoreanischen Kollegen Kim Dae Jung getreten, das eine vorsichtige Annäherungspolitik an Südkorea einleitete.

Putins Besuch in Pjöngjang dient auch dazu, die Wirtschaftsbeziehungen wiederzubeleben, die nach der Entmachtung der Kommunisten in Russland und der Zuwendung Nordkoreas zum kapitalistischen Südkorea verfielen. Putin wird Kim nach Einschätzung von Beobachtern auch Pläne unterbreiten, sibirisches Erdgas über eine Pipeline durch Nordkorea nach Südkorea zu leiten. Interfax zufolge lud Putin Kim für einen Besuch in Moskau ein.

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