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16.01.2003

06:30 Uhr

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US-Stahlaktien polieren ihr Image auf

VonTobias Moerschen und Thomas Wiede

Die rasante Konsolidierung der Branche eröffnet neue Kurschancen für Anleger.

DÜSSELDORF/FRANKFURT/M.Für Thomas J. Usher, Chef vom größten US-Stahlkocher United States Steel, trägt das Jahr 2003 eine klares Motto: "Die Großen fressen die Kleinen", lächelte er schon im Herbst Haifisch-gleich. Im Analystendeutsch liest sich das so: "Die Pleitewelle und Restrukturierung der US-Stahlindustrie nähert sich einer Lösung", schrieb Metall-Experte Michael Gambardella von JP Morgan in seinem Ausblick auf 2003. Und er hat Recht behalten.

Gleich nach dem Jahreswechsel kündigte die International Steel Group (ISG) an, für 1,5 Mrd. $ Vermögenswerte des drittgrößten US-Stahlkochers Bethlehem Steel zu kaufen. Kurz darauf einigte sich US Steel mit dem bankrotten Konkurrenten National Steel, dessen Standorte für 950 Mill. $ zu übernehmen. Analysten sind optimistisch, dass die Fusionen durchkommen.

Damit rückt ein Umbau der siechen US-Stahlindustrie in greifbare Nähe - dank ISG-Chef Wilburg Ross. Der private Investor kaufte Teile bankrotter Stahlkocher auf, und schuf so ein Imperium aus dem Nichts, das nicht durch die Rentenansprüche ehemaliger Mitarbeiter belastet wird - Haupthindernis für Fusionen in der Vergangenheit. Ein staatlicher Fonds springt für die Verpflichtungen der insolventen Firmen ein, der Rest ist hartes Verhandeln mit den Gewerkschaften. Mit Bethlehem wäre ISG zum größten Stahlkocher aufgestiegen, hätte US Steel nicht prompt mit dem Kauf von National gekontert.

Falls der Konsolidierungsknoten endlich platzt, stehen die Kursaussichten für die Branche gut. Deren Aktien reflektieren den jahrelangen Niedergang der veralteten Industrie. Nach wie vor ist die Nachfrage nach US-Stahlanleihen "sehr gering", weiß Dennis Ruggles von der Rating-Agentur Fitch. Wer jetzt zugreift, kauft enormes Erholungspotenzial ein - mit hohem Risiko. Damit das Kalkül aufgeht, müssen die Großfusionen planmäßig erfolgen, und die Stahlpreise dürfen von ihrem hohen Niveau nicht allzu stark abbröckeln.

Für beide Faktoren sitzen mächtige Unterstützer in Washington. US-Präsident George W. Bush gab schon 2002 sein Plazet für umfangreiche Schutzzölle, die den amerikanischen Stahlmarkt von Importen aus Asien und Europa abschirmen. Die Unternehmen, allen voran die aktuelle Nummer Zwei Nucor, rufen bereits nach zusätzliche Zöllen, denn die Referenzpreise für eine Tonne Stahl sind vom Juli-Hoch bei 400 $ auf 300 $ im Dezember gefallen, Tendenz abnehmend. Skeptisch schauen Analysten wie Ruggels auch auf die negative Entwicklung im US-Automobilbau, von der desolaten Bauwirtschaft ganz zu schweigen. "Die Konsolidierung der Branche ist wichtig, nur das Marktumfeld bleibt mit Fragezeichen versehen", meint Ruggels.

Ordnungspolitisch ist die - ohnehin löchrige - Zoll-Schutzwand sicher kritikwürdig. Doch die Aktionäre der US-Stahlfirmen interessiert vor allem das Ergebnis. Und das stimmt laut Michael Shillaker, Stahlanalyst bei UBS Warburg: "Für den Anstieg der Stahlpreise 2002 waren die US-Zölle wichtig." Für das neue Jahr erwartet Shillaker einen langsamen Rückgang der Stahlpreise weltweit. Diese Entwicklung sei nach dem Kursrutsch für Stahlaktien im vierten Quartal 2002 mehr als eingepreist. Ziehe die Weltwirtschaft an, werde das einen neuen Kursschub des stark zyklischen Stahlsektors auslösen, argumentiert der UBS-Analyst. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Unter einer dauerhaft schwachen Weltkonjunktur würden US-Stahlaktien trotz aller positiver Signale leiden.

Die besten Kurschancen räumt UBS Warburg AK Steel ein. Wegen hoher Fixkosten profitiert das Unternehmen besonders von steigenden Absätzen. Je mehr Stahl produziert wird, desto weniger fallen die Fixkosten ins Gewicht. Wegen seines begrenzten Finanzspielraums wird der Konzern aber wohl nicht selbst eingreifen. Wenig empfehlenswert erscheint den Analysten von JP Morgan die Aktie von Nucor. Ein Rückgang der Stahlpreise werde dieses im Massenmarkt tätige Unternehmen härter treffen als andere, so Analyst Gambardella. Und der behielt ja zumindest mit seiner Prognose Recht, wonach 2003 zum Jahr der Haifische am US-Stahlmarkt wird.

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