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03.01.2008

07:56 Uhr

US-Vorwahlen

Weltpolitik zwischen Mais und Soja

VonMarkus Ziener

Ländlich, kleinstädtisch, konservativ und religiös – das sind die Attribute, die oft mit Iowa in Verbindung gebracht werden. Doch seit ein paar Tagen schon ist der 29. US-Bundesstaat zum Nabel der Welt geworden, denn seine Bewohner stimmen am heutigen Donnerstag über die Präsidentschaftskandidaten ab. Ein Sieg hier kann mehr nützen als die teuerste Werbekampagne.

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin, US-Senatorin Hillary Clinton, spricht in einer Baptistenkirche in Waterloo, Iowa. Foto: rtr

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin, US-Senatorin Hillary Clinton, spricht in einer Baptistenkirche in Waterloo, Iowa. Foto: rtr

DES MOINES. Ein knappes Zeichen mit dem Finger, ein Nicken mit dem Kopf, der Auktionator senkt die Stimme: Nach weniger als 60 Sekunden Schaulaufen im engen Geviert ist das Rind verkauft. Dann schlägt Carl mit seinem Stock gegen eine Schiebetür und das Tier verschwindet dahinter. Auf der anderen Seite stolpert schon das nächste Vieh in die Auktionshalle. Über das Mikro rollt der Zahlensalat, der mit dem Startpreis für das Rind beginnt und dann möglichst teuer enden soll. Es ist Versteigerung in Winterset. Und endlich ist mal wieder etwas los im Auktionshaus von Madison County, rund eine Autostunde südlich von Des Moines, der Hauptstadt von Iowa.

Knapp 50 Männer sitzen an diesem Mittwochmittag auf den rohen Holzbänken. Sie trinken Kaffee aus roten Plastikbechern und sind in warme Wattejacken eingepackt. Es ist beißend kalt draußen, und vor ein paar Tagen ging sogar ein regelrechter Eissturm über diesen Teil Iowas nieder. Die Auktionen fielen aus, weil das Vieh nicht nach Winterset transportiert werden konnte. Das Leben ist zuweilen hart in dem US-Bundesstaat, der kaum Hügel oder gar Berge kennt. Wenn der Wind bläst, hat er freie Bahn.

Vor dem Auktionshaus steigt gerade Leon Phillips aus dem Auto. Phillips war einst selbst Farmer, ist inzwischen im Ruhestand und ist heute zum Zeitvertreib zur Auktion gekommen. Aber auch, um mit seinen Freunden und Bekannten über den Caucus zu sprechen, zu dem er in ein paar Stunden gehen wird. Am Donnerstag stimmt Iowa über die Präsidentschaftskandidaten ab. Und Leon Phillips weiß noch immer nicht, wen er wählen soll, dabei hat er viele von ihnen in Winterset schon „live“ erlebt. „Biden, Obama, Edwards, Richardson oder Hillary“, zählt Phillips seine Favoriten auf. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden“, sagt er. „Dabei will ich es diesmal richtig machen“. Richtig machen, weil er glaubt, dass George W. Bush „der schlechteste Präsident seit ewigen Zeiten ist“. Und auf Iowa kommt es durchaus an.

Denn so bizarr und vertrackt das Abstimmungssystem des Iowa-Caucus auch ist – es setzt die erste entscheidende Wegmarke auf dem Marathon zum Weißen Haus. Wer in Iowa und wenige Tage später in New Hampshire vorne liegt, den könnte das so genannte „Momentum“ nach vorne schieben. Breite Medienberichterstattung gekoppelt mit einem Mobilisierungseffekt: Beides zusammen kann mehr bewirken als viele teure Fernsehspots. Deshalb unterziehen sich die Kandidaten der Ochsentour über die Dörfer Iowas. Leon Phillips hat bereits rund einem halben Dutzend von ihnen die Hand geschüttelt. In kaum einem anderen US-Bundesstaat kann man so nah dran sein an einem möglichen künftigen Präsidenten.

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