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14.04.2003

21:50 Uhr

Mit dem US-Einmarsch in Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit ist der Irak-Krieg praktisch zu Ende. Dass dieser von vielen als heikel eingestufte Waffengang nur halb so lange dauerte wie der letzte Golfkrieg, wird dem Selbstbewusstsein der Pentagon-Strategen einen neuen Schub verleihen. Dennoch hat dieser militärtechnisch unkomplizierte Sieg seine politischen Schattenseiten. Zum einen konnten die Amerikaner bislang keine biologischen oder chemischen Waffen präsentieren - dies war der eigentliche Grund für den Einmarsch. Zum andern zeigen die Bilder vom plündernden Mob in irakischen Städten, dass die "Enthauptung" eines Regimes mit viel Chaos und Anarchie einhergeht.

Umso mehr erstaunt, dass die USA jetzt auch noch ihre Drohkulisse gegenüber Syrien verstärken. Der Regierung in Damaskus wird nicht nur logistische Hilfe für den Irak und die Aufnahme von Mitgliedern des Regimes in Bagdad vorgeworfen. Mit der Behauptung, Syrien besitze chemische Waffen, hat sich Präsident George W. Bush auch noch einen Blanko-Scheck für eine mögliche Invasion ausgestellt. Syriens Drähte zu Terrorgruppen wie der Hisbollah im Libanon sind jedenfalls viel intensiver als die eher halbgaren Verbindungen Saddams zu El Kaida.

Dennoch denkt derzeit niemand in der US-Regierung ernsthaft an einen Militärangriff gegen Präsident Assad. Die rhetorischen Muskelspiele sollen Syrien einschüchtern und zur Kooperation zwingen - vor allem durch die Kappung der Stränge zur Hisbollah. Die Administration in Washington ist allerdings davon überzeugt, mit dem Irak-Krieg ein Exempel für "Schurkenstaaten" auf der ganzen Welt statuiert zu haben: Wer Massenvernichtungswaffen hat oder nach ihnen strebt und Kontakte zu Terroristen pflegt, befindet sich im US-Fadenkreuz. Im Unterschied zur Epoche des Kalten Krieges wird dem Gegner nicht nur mit der Vernichtung gedroht. Durch den Einmarsch in den Irak haben die Amerikaner auch gezeigt, dass sie "Präventivschläge" tatsächlich durchführen. Bush meint, ein neues Disziplinierungsmittel zu besitzen.

Diese Politik der unangefochtenen Stärke beruht auf zwei Koordinaten. Die Attacken vom 11. September 2001 versteht Bush als Auftrag für eine historische Mission, an der er mit finsterer Entschlossenheit festhält: Er will die Verwundbarkeit Amerikas durch die Zerstörung von Terror-Nestern so gering wie möglich halten. Damit verbunden ist der Glaube, dass der Nahe Osten nach dem Sturz Saddams einen demokratischen Domino-Effekt erleben wird. Hier mischt sich eine Re-Ideologisierung der US-Außenpolitik mit dem klassischen amerikanischen Sendungsbewusstsein.

Bush bewegt sich dabei in den Fußstapfen von Ronald Reagan. Wie der kantige Kalifornier dem Kommunismus durch eine glühende Freiheits-Rhetorik den Kampf ansagte, will der ehemalige Öl-Mann aus Texas die autokratischen arabischen Regierungen mit einer ideologischen Offensive unter Druck setzen. Dabei baut er darauf, dass die Regime durch die Unzufriedenheit der Bevölkerung erodieren. Ob diese Reißbrett-Vision für den gesamten Nahen Osten taugt, ist allerdings zweifelhaft.

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