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02.01.2008

15:11 Uhr

USA

Wählen wie im Wilden Westen

VonMarkus Ziener

Manche finden es nur skurril, andere dagegen urdemokratisch: Ein vorsintflutliches Wahlverfahren sorgt im US-Bundesstaat Iowa regelmäßig für Überraschungen. Bei dem wichtigen Vorentscheid zur Präsidentschaftskandidatur ist es noch ein bisschen wie im Wilden Westen. Und für die Bewerber Clinton, Obama, Huckabee oder Giuliani wird dieser 3. Januar zum Schicksalstag.

DES MOINES. Wenn am 3. Januar in Iowa die beiden großen politischen Parteien in den USA den Caucus, die ersten Vorwahlen, abhalten, dann zählt eine Stimme nur dann, wenn der Wähler dafür auch gerade steht. Mit anderen Worten: Nur wer am 3. Januar auch selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Wahllokal physisch anwesend ist, kann darüber bestimmen, wen seine Partei als Kandidaten für das Präsidentenamt aufstellen soll. Wer zu Hause bleibt, der ist nur Zuschauer. In Iowa gibt es keine geheime Wahl und keine Briefwahl. Es gilt: Ein Mann, ein Wort.

Dabei dürfte Iowa mit seinen gerade mal knapp drei Millionen Einwohnern in Relation zu den insgesamt 300 Millionen Einwohnern in den USA eigentlich keine große Rolle spielen. Doch das komplizierte und langwierige Auswahlverfahren verschafft den ersten Bundesstaaten, in denen gewählt wird, eine ganz besondere Position. Oft schon drehte sich mit den Resultaten in Iowa und New Hampshire – das sich seinen Spitzenstatus im Wahlreigen sogar in die Verfassung geschrieben hat – die Wahlkampfdynamik. So räumten etwa 2004 in Iowa John Kerry und John Edwards bei den Demokraten ab – und nicht der lange Zeit favorisierte Howard Dean.

Für Dean war Iowa der Anfang vom Ende. Und schließlich wurde Kerry zum Herausforderer von George W. Bush gekürt. Bush selbst siegte 2000 in Iowa und setzte sich im republikanischen Lager später gegen den mindestens gleichstarken John McCain durch. Nahezu kein Kandidat kann es sich daher leisten, das kleine Iowa auf die leichte Schulter zu nehmen.

Richtig spannend wird es am Wahltag in Iowa aber erst am Abend. Irgendwann zwischen 18 und 20 Uhr versammeln sich jene, die sich als Wähler bei Demokraten oder Republikanern registrieren ließen, in einem der 1784 Wahlbezirke, den so genannten „precincts“. Das können Schulen, Turnhallen, öffentliche Bibliotheken oder sogar Kirchen sein. Die Wähler platzieren sich dann an jenen Orten, die einem bestimmten Kandidaten zugeordnet sind. Wer nicht weiß, wen er wählen soll, kann sich an den Ort für „Unentschiedene“ begeben – und darauf hoffen, dass er eine „Entscheidungshilfe“ bekommt.

In dieser Phase des Verfahrens kommt es auf den „precinct-captain“ an, quasi den Manager für die jeweilige Kampagne. Das Team von Barack Obama etwa hat auf die Auswahl und das Training dieser Helfer ganz besonderen Wert gelegt. Denn wer gut argumentieren kann, wer Charisma hat und rhetorisches Talent, der vermag ein knappes Resultat in einem Bezirk zu seinen Gunsten zu verändern. Dazu hat der „precinct-captain“ rund 30 Minuten Zeit. Nachdem sich die Wähler ihren Kandidaten zugeordnet haben, haben die Wahlmanager diese halbe Stunde, um die Meinung der Wähler noch zu ändern – und sie buchstäblich von einer Ecke des Wahllokals in „ihre“ zu ziehen. Dabei wird zuweilen viel versprochen, viel verlockt und gedrängt.

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