Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.01.2003

09:15 Uhr

Venezuela

Die Schlacht ums Öl

VonAlexander Busch , Handelsblatt

Längst hat der Kampf um die staatliche Ölgesellschaft PdVSA die Grenzen Venezuelas überschritten. Der Ölpreis steigt dramatisch, und Chávez scheint sich durchzusetzen.

Es gibt derzeit zwei Typen von Demonstranten in Caracas: Die einen belagern seit Wochen den Eingang der Konzernzentrale des staatlichen Öl- und Energiekonzerns Petróleos de Venezuela S.A. (PdVSA). Auf Feuern kochen sie sich ihre dünnen Suppen. Zwischen den einst adretten Blumenrabatten schlafen sie, und dem Geruch nach sind auch ihre Toiletten nicht weit entfernt. "Tod den Saboteuren" haben sie auf Fahnen geschrieben, und was den daneben gezeichneten Strichmännchen geschieht, das sieht nicht nett aus. Aus den Boxen dröhnen Tag und Nacht südamerikanische Revolutionslieder, wenn nicht gerade ein wütender Redner mit den "Schmarotzern und Ausbeutern des venezolanischen Volkes" abrechnet.

Die anderen Demonstranten treffen sich vor einer anderen der zahlreichen PdVSA-Filialen - meist nachmittags für ein paar Stunden, wenn die Sonne angenehm das hoch gelegene Andental erwärmt, in dem Caracas liegt. Sie kommen mit BMW-Motorrädern, aufgemotzten Pick-ups oder Mountain-Bikes. Frisch geduscht, aus dem Gym, vom Mittagstisch oder aus der Konferenz. Die Jungen flirten, die Älteren schwatzen. Von den fliegenden Händlern kauft man sich Trillerpfeifen, Baseballkappen und Fahnen mit dem Gelb-Blau-Rot der Nationalflagge.

Das sieht so harmlos aus - doch es ist eine "Schlacht", ein "Krieg", wie Präsident Hugo Chávez in seinen täglichen mehrstündigen Reden im Fernsehen den Machtkampf um PdVSA immer wieder nennt. Auf der einen Seite die armen Chávez-treuen Demonstranten, die wollen, dass gearbeitet wird. Auf der anderen Seite die meist gut situierten Angestellten und Arbeiter des Ölkonzerns, die Chavéz die wirtschaftliche Lebensader abschneiden wollen - gemeinsam mit weiten Teilen des Mittelstandes. Es ist ein Krieg um die Macht, der längst die Grenzen des lateinamerikanischen Landes überschritten hat. Zusammen mit der Angst vor dem Irak-Krieg hat das weitgehende Ausbleiben des venezolanischen Öls den Weltmarktpreis so nach oben schnellen lassen, dass die Opec zuletzt die Fördermengen erhöhen musste.

Chavéz kämpft um die Kontrolle über ein Konglomerat, das 80 Prozent aller Exporte seines Landes einfährt und die Hälfte des Staatsbudgets liefert. 2 000 streikende Angestellte von 45 000 hat er bereits entlassen aus dem "Staat im Staate", wie der Präsident schimpft; eine Beschreibung, mit der er ausnahmsweise völlig Recht hat. Tatsächlich war die PdVSA bis vor kurzem inmitten des wirtschaftlich und politisch zweitklassigen Landes ein Konzern, der sich mit den Ölmultis wie Shell oder Exxon messen kann. Er war mit einem Umsatz von 55 Milliarden Dollar zweitgrößte Ölgesellschaft der Welt. Dem Economist Intelligence Unit galt PdVSA Ende der neunziger Jahren als bestgeführter Ölkonzern der Welt - und das als Staatskonzern.

Bereits früh erkannten die Manager, die fast alle bei den ausländischen Multis ihr Handwerk gelernt hatten, dass Ölreserven alleine nicht ausreichen, um sich auf dem Weltmarkt zu behaupten. "Wir wussten immer, dass wir in unsere Märkte investieren müssen, um sie nicht zu verlieren", sagt der ehemalige PdVSA-Präsident Humberto Calderon Berti. Mit der deutschen Veba gründeten die Venezolaner Anfang der achtziger Jahre die Ruhr Öl AG. Dann kaufte PdVSA mit Citgo eines der größten Tankstellennetze in den USA. Heute besitzt PdVSA zwei Drittel seiner Raffineriekapazitäten in Übersee direkt auf den Konsumentenmärkten. "So kamen wir auch an Spitzentechnologie, die wir hier in Südamerika nicht bekommen hätten", sagt Berti. Die Folge: PdVSA-Angestellte vom Kaffeekocher bis zum Präsidenten verdienten nach internationalen Maßstäben - also weit mehr als der Rest Venezuelas. Englisch wurde zweite Sprache im Konzern.

Auch den gierigen Staat als Kontrolleur konnte PdVSA austricksen, indem der Konzern eine schrittweise Öffnung für Auslandskapital durchsetzte. In Caracas herrschte Goldgräber-Stimmung, die internationalen Ölkonzerne steckten ihre Claims ab. Auch deutsche Firmen wie Veba und Preussag beteiligten sich erfolgreich an den Ausschreibungen.

Doch dann wurde 1998 überraschend Chávez Präsident Venezuelas - und die Zeiten änderten sich für PdVSA: "Chávez wollte von Anfang an die Kontrolle über PdVSA", glaubt der Ölberater Livio Pernetz. Erstmals bestimmte der Präsident persönlich, wer den Ölkonzern führen sollte. Seitdem hat er fünfmal den Chef ausgetauscht: Erst war es noch ein Ölexperte, dann folgte ein bei PdVSA wegen Unfähigkeit entlassener Mitarbeiter, schließlich übernahm ein General das Kommando, um es an einen marxistischen Ökonomieprofessor abzugeben, nun ist ein Ex-Guerillero Konzernchef. "Jetzt hängen plötzlich neben dem obligatorischen Chávez-Bild noch welche von Lenin und Fidel Castro in der Chefetage", ächzt Roberto Bottome, von Veneconomy, dem führenden privaten Think-Tank in Caracas.

Als ab Februar 2002 immer mehr leitende Angestellte durch Chávisten ersetzt wurden, streikten die Angestellten erstmals. Nach der ersten Öl-Demo kam es zum Putsch gegen Chávez im April 2002, als Militärs ihn zum Rücktritt zwangen. Weil sich die Opposition jedoch unfähig zeigte, war er zwei Tage später wieder im Amt.

Inzwischen fördert der Konzern noch maximal 400 000 Fass am Tag - statt 3,2 Millionen Fass wie noch im November. Benzin wird importiert. Die Raffinerien stehen still. Der Lago Maracaibo, das größte Fördergebiet, läuft mit Öl voll, weil sich die Unfälle häufen. Die Regierung hat Rentner und ausländische Facharbeiter angeheuert, damit die Produktion wieder in Schwung kommt.

Inzwischen geht der Kampf ums Öl in die letzte Runde - und der Weltkonzern PdVSA droht dabei zu zerbrechen. "Chávez will die Kontrolle über den Konzern; ihm ist egal, wie gut das Unternehmen funktioniert", sagt Bottome. Auch wenn es künftig nur noch eine Million Fass liefern könne, reiche das Chávez aus.

Die Zeit spielt für den Ex-Militär, wenn es ihm weiterhin gelingt, die Produktion von Tag zu Tag ein bisschen mehr ausweiten. Das Paradoxe daran: Dem Präsidenten, der von morgens bis abends gegen die Globalisierung wettert, kommen gerade die Multis zur Hilfe. Rund ein Fünftel der Ölförderung und große Teile der Raffinerien sind in ausländischer Hand - und produzieren größtenteils, so weit sie können. "Wir sind neutral, wir können uns nicht in Politik einmischen", sagt ein deutscher Ölmanager.

Die Zukunft? "Wenn Chávez PdVSA klein bekommt", glaubt Bottome wie viele andere Experten, "dann lässt er Exxon, Mobil und Shell ins Land. Die streiken nicht."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×