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25.03.2003

08:45 Uhr

Verband will neue Regeln für Abschreibungen von stillen Lasten

Versicherer: Garantiezins muss sinken

VonHolger Alich

Stecken die Lebensversicherer in der Krise? Nein, sagt der Verband, der Branche gehe es gut. Dennoch fordert er, den Garantiezins zu senken. Experten sehen ernste Probleme bei einzelnen Gesellschaften.

LEIPZIG. Die Versicherungswirtschaft will nichts von einer Krise der Lebensversicherung wissen. "Die Erfüllung der laufenden Verbindlichkeiten ist aus den Beitragseinnahmen und den laufenden Zinsen gesichert", sagte Bernd Michaels, Präsident des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf einer Pressekonferenz in Leipzig. Angesichts der guten Ergebnisse im Neugeschäft ist es auch für den Sprecher der Lebensversicherer, Gerhard Rupprecht, "abwegig von einer Krise der Lebensversicherung zu sprechen". Rupprecht ist auch Chef der Allianz-Leben. Gleichzeitig räumen beide Versicherungslobbyisten ein, dass dies nur eine Durchschnittsbetrachtung sei, die keine Rückschlüsse auf einzelne Unternehmen und deren Lage zulasse.Prognosen, in fünf Jahren existierten nur noch zehn Lebensversicherer, hält Michaels aber für Wichtigtuerei."Auch wir sehen keine allgemeinen Probleme, sondern es geht um einzelne Gesellschaften", bestätigt Reiner Will von der auf Versicherungen spezialisierten Ratingagentur Assekurata die Einschätzung des Verbandes.

Doch: "Die Probleme einzelner Gesellschaften sind durchaus ernst zu nehmen", sagte er dem Handelsblatt. Spekulationen über die Namen der Wackelkandidaten gibt es reichlich, seriöse Informationen hat aber nur die Aufsichtsbehörde - und die schweigt.

Die Lebensversicherer leiden zum einen unter der Krise des Aktienmarktes. Durch die lange Baisse erzielen sie mit den Wertpapieren keine Rendite mehr, sondern haben zum Teil kräftige Verluste. Schlimmer noch trifft die Versicherer jedoch das dauerhaft niedrige Zinsniveau. Denn rund 80 Prozent ihrer Anlagen stecken in festverzinslichen Papieren. Das niedrige Zinsniveau hat zur Folge, dass das Bundesfinanzministerium den Garantiezins für die Sparguthaben von Neukunden spätestens ab 2005 von derzeit 3,5 % auf "voraussichtlich 2,75 %" absenken muss, wie Rupprecht sagte.

"Die Aktienquote der Lebensversicherer liege deutlich unter zehn Prozent der Anlagen", sagte Michaels. Zum Vergleich: In der Boomphase der Börsen habe sie bei im Schnitt 18 % gelegen. Heute hätten die Versicherer nur noch etwa 600 Mrd. Euro an Aktien und Aktienfonds in den Büchern stehen, so der Verband. Diese so genannten Buchwerte liegen aber zum Teil unter den Marktpreisen. Eine erst 2001 eingeführte Bilanzerleichterung macht es möglich, Abschreibungen auf Verluste auf Wertpapiere auf die Folgejahre zu verschieben und somit stille Lasten aufbauen. Michaels plädiert dafür, dass die Versicherer mehr Zeit dafür bekommen sollen, diese stillen Lasten abzuschreiben.

Die Ratingagentur Fitch hat die stillen Lasten und Abschreibungen der Lebensversicherer auf rund 50 Mrd. Euro veranschlagt. Diese Schätzung weist die Branche entschieden zurück. "Nach unseren Umfragen rechnen wir eher mit stillen Lasten im Wert von 15 bis 20 Mrd. Euro", sagte Michaels. Angesichts von 600 Mrd. Euro Aktienanlagen wären das rund drei Prozent.

Trotz der Probleme auf dem Kapitalmarkt bessern immer mehr Bürger ihre Altersvorsorge privat auf. 2002 nahm das Neugeschäft der Lebensversicherer um sieben Prozent auf 14,5 Mrd. Euro zu. Vor allem Rentenpolicen sind gefragt. Riester-Renten hingegen enttäuschen mit nur insgesamt drei Millionen Policen. Vor diesem Hintergrund fällt die Kritik der Lebensversicherer an den Vorschlägen der so genannten Rürup-Kommission zur Besteuerung der Altersvorsorge deutlich aus. Im Kern sei der Ansatz zwar richtig, doch die Produktanforderungen seien noch enger als bei der Riester-Rente. Folge: "Es gibt derzeit kein Produkt, dass diesen Anforderungen gerecht wird."

Terror-Policen kaum gefragt

Trotz der erhöhten Gefahr von Terror-Anschlägen wegen des Irak-Kriegs fragen deutsche Unternehmen nur in geringem Umfang Versicherungsschutz gegen Terror nach. "Die gezeichneten Prämien des Spezialversicherers Extremus liegen immer noch unter 100 Mill. Euro und damit weit von den anvisierten 200 Mill. Euro entfernt", sagte Edmund Schwake vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die Extremus AG wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von der Versicherungswirtschaft mit staatlicher Hilfe gegründet und bietet Unternehmen in Deutschland Sachwertschutz gegen Terroranschläge. Schwake kritisierte die Industrie. Sie habe eine Terrorversicherung vehement gefordert und nutze sie nun nicht.

Günter Schlicht, Geschäftsführer des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS), entgegnete: "In vielen Unternehmen ist die Entscheidung noch nicht gefallen, ob Terror-Schutz eingekauft werden soll." Daher sei es noch zu früh, bei Extremus von einem Flop zu sprechen. Der DVS vertritt die Interessen der versicherungsnehmenden Wirtschaft. Trotz der zögerlichen Nachfrage der Industrie "steht die Schließung von Extremus nicht zur Debatte", sagte Extremus-Vorstand Dirk Harbrücker.

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