Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.01.2001

15:11 Uhr

"Verbranntes" Geld an der Börse jetzt nicht rausholen

Verbraucherschützer raten von Panikverkäufen ab

Wer beim schubweisen Börsencrash im vergangenen Jahr den Ausstieg verpasst hat und vor Bergen "verbrannten" Geldes sitzt, sollte seine Aktien und Fonds jetzt auf keinen Fall zu Tiefstständen verkaufen.

ap MÜNCHEN. Verzweifelte Kleinanleger und Börsenfrischlinge, die erst "neulich" zu Höchstständen einstiegen, warnt Finanzexperte Rainer Zuppe von Stiftung Warentest dringend vor Panikverkäufen. "Damit wären gleich zwei grobe Fehler begangen: Beim absoluten Hoch rein und im tiefsten Tal raus." Allerdings sollten verlustreiche Fonds unbedingt überdacht und bei der nächsten Erholung umgeschichtet werden.

Das Tal der Tränen aussitzen - zu diesem Tipp neigt auch Stefan Müller, Fondsmanager bei der Gesellschaft "Activest" in München. Wer jetzt seinen tiefroten Aktienfonds kurzerhand auflöse, der schneide sich die Chance ab, die Miesen in der nächsten Aufholphase wieder wett zu machen. Auch wenn der Gesamtmarkt in der nächsten Zeit bei schlechten Nachrichten noch einmal unter Druck kommen könne, sei jetzt doch langsam an bessere Zeiten zu denken, macht der Profi Mut.

Börsenregel nicht vergessen

Trotz aller Durchhalteparolen sollte die bittere Börsenregel nicht vergessen werden: Wer 30 % Miese gemacht hat, muss 60 % Gewinn einfahren, um wieder auf seiner Ausgangsbasis zu landen. Um 50 % Verlust aufzuholen, sind dann schon 100 % Profit nötig.

Mit dem Ratschlag "Augen zu und durch" kann sich Peter Grieble, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Stuttgart nicht ganz anfreunden. Zwar empfiehlt auch er ratlosen Anlegern, die Ruhe zu bewahren und auf Besserung zu warten. Gleichzeitig sollten Betroffene jedoch hellwach sein, ihre Anlagestrategie neu überdenken und womöglich aus riskanten Investitionen aussteigen.

Lehrstück für Aktienbesitzer

Der monatelange Crash im Jahr 2000 ist nach Griebles Auffassung zu einer Art Lehrstück für Aktienbesitzer geworden. Dass konservative Fonds ohne Turboerträge in schlechten Zeiten das bessere Ruhekissen sind, sei die bittere Erkenntnis vieler Börsenneulinge mit völlig überzogenen Gewinnerwartungen.

Wer etwa in spekulative Internet- oder Neue-Markt-Fonds investiert ist und derzeit angesichts halbierter Einlagen am Rande des Nervenzusammenbruchs lebt, der muss sich selbst fragen, wie viele Rückschläge er tatsächlich verkraften kann, wie auch Zuppe betont. Viele Sparer müssten sich eingestehen, dass sie ihre Risikobereitschaft massiv überschätzt und deshalb auf das für sie "falsche Pferd" gesetzt hätten.



Rückschläge sind immer drin



Wer mit virtuellen Riesenverlusten nicht zurecht kommt und nicht noch einmal ein solches Wagnis eingehen würde, der sollte zunächst einmal abwarten, bis die Kurse wieder anziehen, rät der Finanzexperte weiter und macht Mut: "Zehn bis 20 % können bei den stark schwankenden Neue-Markt-Fonds schnell einmal drin sein". Dann heißt es jedoch: Raus aus den "heißen Eisen" und rein in weniger riskante Aktienfonds, auch wenn dabei Geld verloren geht. Fonds, die in weltweite oder europäische Standardwerte investieren, holen die Verluste zwar nur langsam auf. Dafür lassen sie ihren Besitzer besser schlafen.

Verbraucherschützer und Anlageexperten sind überzeugt davon, dass die derzeitige Baisse auch eine Chance für die noch junge Aktienkultur in Deutschland bietet. Die Gier nach schnellen Gewinnen ist bei vielen verflogen, Ernüchterung hat sich breit gemacht - selbst bei den Besitzern von vermeintlich risikoärmeren Aktienfonds. "Nach dem Jammern könnte das Nachdenken über wirkliche Vorteile, Gefahren und die individuelle Risikobereitschaft einsetzen", hofft Grieble. Wer sich bewusst auf spekulative Aktien und auch Fonds einlässt, der kann im übrigen folgenden Tipp für Hartgesottene beherzigen: Künftig Verluste begrenzen, indem Kapital bei spätestens 20, 25 oder 30 % Kursrutsch herausgeholt und in Sicherheit gebracht wird.

"Anleger sollten generell nicht mehr als zehn bis elf Prozent Gewinn aus ihren Fonds erwarten. Wird es mehr, kann man sich ja freuen, Rückschlagpotenzial ist aber immer da", so der allgemeine Tipp von Warentest-Experte Zuppe. Und was viele Zocker im vergangenen Spekulationsrausch vergessen hätten: Aktienengagements erfordern immer einen langen Atem.



Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×