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26.01.2001

08:00 Uhr

Verbraucher sehen wenig Nutzen – Premiere World weiter erfolglos

Analyse: Digital TV bleibt in Deutschland hinter den Erwartungen zurück

VonJann Ohlendorf (Handelsblatt.com)

Beim Digital-TV hat das Ausland Deutschland inzwischen abgehängt; die Entwicklung stagniert. Dabei soll Rundfunk bis 2010 nur noch digital ausgestrahlt werden. Auf diese Zeitvorgabe hat sich die Bundesregierung mit Beschluss vom Dezember 1997 verständigt. Techniker und Unternehmer träumen von einem Medienverbundsystem aus Fernsehen, Internet und Mobiltelefon. Die Umstellung läuft bislang aber weitaus komplizierter ab als ursprünglich geplant, und das hat vielfältige Gründe: Die Kirch-Gruppe hält für ihr Angebot Premiere World an einem Exklusiv-Standard fest, der inzwischen als veraltet gilt, die Kabelbetreiber sehen wenig Spielraum, attraktive Programmpakete anzubieten, die analoge Technik funktioniert vergleichsweise gut, und viele Unternehmen können mit dem Status quo gut leben. Im Ausland ist die Entwicklung anders verlaufen. Dort sind zumeist mehrere Pay-TV-Anbieter aktiv, die inzwischen zunehmend interaktive Dienste entwickeln, um neue Nutzer anzuziehen.

HB DÜSSELDORF. Seit Jahren versprechen Unternehmen den Durchbruch für das digitale, interaktive Fernsehen in Deutschland. Tatsächlich aber zeichnet sich bislang nicht einmal ein kontinuierlicher Übergang ab. Eine Studie der ARD, die im Februar veröffentlicht werden soll, kommt zu dem Ergebnis, dass die Bevölkerung derzeit so gut wie kein Interesse an Digital-TV hat. Lediglich ein Prozent der Befragten hat demnach die Absicht, sich in nächster Zeit einen Digital-TV-Zugang zuzulegen. Zurzeit können erst fünf Prozent der Haushalte in Deutschland Digitalfernsehen empfangen, das nach einem Kabinettsbeschluss bis zum Jahr 2010 den analogen Verbreitungsweg ablösen soll. Erst 1,75 Millionen Haushalte verfügen inzwischen hierzulande über einen Digitaldecoder; die überwiegende Mehrheit von ihnen nutzt die D-Box der Kirchgruppe, um Pay-TV-Angebote zu empfangen.

Starkes Wachstum im Ausland

Deutschland ist trotz vielerlei Ankündigungen und Versuche im Projektstadium inzwischen bei der Umstellung auf das interaktive Fernsehen hinter die Nachbarländer zurück gefallen, und Experten rechnen damit, dass sich die Kluft in der nächsten Zeit weiter vergrößern dürfte. Denn vor allem in Großbritannien, Italien, Polen und Frankreich sind die Digital-TV-Angebote in den vergangenen Monaten kräftig gewachsen. Der Satellitenbetreiber Astra registrierte allein bis zum zweiten Halbjahr vergangenen Jahres die größte Zuwachsrate beim Digital-TV seit Beginn des digitalen Satellitenfernsehens in Europa in Höhe von 4,7 Millionen auf nunmehr 10,16 Millionen Haushalte. Hinzu kommen weitere zwei Millionen Haushalte, die Digital-TV via Kabel empfangen.

Besonders schnell hat der Digital-TV-Markt in Großbritannien zugelegt. Die jüngste Erhebung für die Telekommunikationsbehörde OFTEL, basierend auf Daten vom August vergangenen Jahres, ergab, dass in Großbritannien Digital TV bereits in jedem fünften Haushalt zu finden ist. Allein zwischen Mai und August legte die Zahl der angeschlossenen Haushalte um 0,5 Millionen auf 5,25 Millionen zu. BskyB kommt derzeit auf 4 Millionen Abonnenten, der Konkurrent On Digital hat Ende Dezember die Millionengrenze überschritten. Das Marktforschungsinistitut Mori, stellte fest, dass sich die Gründe, die zum Bezug der Digital-Angebote führten, erweiterten. Hatten die Befragten zuvor angegeben, größere Programmauswahl und bessere Ton- und Bildqualität hätten sie zu diesem Schritt bewogen, gaben in der jüngsten Umfrage bereits zehn Prozent der Befragten an, interaktive Dienste wie Internet, E-Mail und Online-Einkäufe nutzen zu wollen, wie sie vor allem von BskyB unter dem Namen Open angeboten werden.

Am beliebtesten sind der Studie zufolge derzeit allerdings Online-Spiele, die bei 28 Prozent der Digital-TV-Abonnenten genutzt werden. Insgesamt erfreuen sich interaktive Dienste in Großbritannien bereits hoher Beliebtheit. Vier von fünf Befragten beurteilten Geschwindigkeit, Bedienungskomfort und Sicherheit der Angebote als "gut".

Nachfrage in Deutschland zu hoch angesetzt

In Deutschland spielt Digital-TV dagegen bislang vor allem in Ankündigungen eine Rolle. Hersteller von Set-Top-Boxen wie Infomatec und Metabox kamen zwar in die Schlagzeilen, erreichten die Aufmerksamkeit aber mehr mit illusorischen Meldungen über Großaufträge als mit tatsächlich realisierten Umsätzen. Auch die Bertelsmann Broadband Group , die seit Jahren den großen Durchbruch für das interaktive Fernsehen auf Kabelbasis in Aussicht stellt, ist über Versuche bislang nicht hinaus gekommen.

Beim Hersteller von Satellitenempfangsanlagen Amstrad heißt es, die Nachfrage sei in Deutschland insgesamt schlicht überschätzt worden. "Der Nutzen ist noch zu gering". Derzeit seien bestenfalls 10 Prozent der verkauften Geräte für Digital TV geeignet; wenn überhaupt ersetzten Kunden defekte analoge Geräte durch ein digitales Nachfolgemodell. Einzig die Kirchgruppe sorge in Abständen für Dynamik, weil sie noch große Bestände der D-Box auf Lager habe.

Premiere World blieb bislang ein Milliardengrab

Die D-Box, ein Receiver, der exklusiv den Zugang zum Pay-TV-Angebot Premiere World erlaubt, vermarktet die Kirchgruppe als Gegenangebot zu Decodern mit offenem Standard. Die D-Box kann zwar freie Programme darstellen, scheitert aber bislang an attraktiven Zusatzdiensten. Die Zahl der Premiere-World-Abonnenten liegt mit etwa 1,7 Millionen Abonnenten für das Digitalangebot weit hinter den Planungen der Kirchgruppe zurück; die Anlaufkosten liegen in Milliardenhöhe. Bislang hält das Medienunternehmen aber daran fest, die Spezifikation für das Pay-TV-Angebot exklusiv zu vermarkten. Aus diesem Grund fehlt den übrigen Decodern der Zugang zum Premiere-World-Programmpaket.

Zwar schreibt der seit April vergangenen Jahres gültige 4. Rundfunkstaatsvertrag ( im Paragraf 53 eine Diskriminierungsfreiheit vor, aber um die genaue Interpretation dieses Begriffs wird weiter gerungen. Selbst die Gerätehersteller glauben nicht daran, dass sich ein neuer Standard, die Multimedia Home Platform, MHP, schnell durchsetzen wird. Das Digital-TV in Deutschland ist daher nach Einschätzung von Branchenkennern bislang entweder nicht interaktiv oder aber nicht attraktiv genug.

Zu viel, zu gut, zu billig

Als Gründe für den schleppenden Start in die Digital-Ära auf dem weltweit zweitgrößten Fernsehmarkt werden von Branchenkennern aber vor allem die Programmvielfalt und gut funktionierende Analogtechnik genannt. Durchschnittlich 30 Sender kann ein Haushalt derzeit in Deutschland frei empfangen. Die Bildqualität gilt im Vergleich zu vielen Nachbarländern als gut. "Öffentlich-rechtliche Anstalten und auch die RTL-Senderfamilie können mit dem Status quo gut leben. Die einen erhalten ihre Gebühren und wollen keine Diskussionen über die Verwendung der Mittel riskieren, die anderen scheuen vor den hohen Investitionen in das Digital-TV zurück, solange sich im Free-TV-Markt viel Geld verdienen lässt", sagt ein Brancheninsider.

Größeres Interesse an einem Erfolg der neuen Übertragungstechnik haben vor allem die Kabelnetzbetreiber, die sich mit eigenen Angeboten, Mehrwert in Form von E-Commerce, Homebanking oder aber auch E-Mail, profilieren wollen. Allerdings setzen ihnen die Sender, die frei empfangbar bleiben wollen, das Monopol der Kirchgruppe beim Pay-TV und auch noch die Infrastruktur enge Grenzen.

Aufbrechen könnte diese Situation indes Rupert Murdoch, der, sollte Premiere weiter hinter den Vorgaben zurück bleiben, beim Pay-TV der Kirchgruppe eine neue Richtung vorgeben kann. Der Medienunternehmer, der seine Pay-TV-Aktivitäten unter der Marke Sky Global bündeln will, verfolgt die Entwicklung in Deutschland mit besonderem Interesse: Über die BSKB Germany GmbH hält Murdoch bereits 22,03 Prozent der Anteile an der Muttergesellschaft von Premiere World. Läuft das Geschäft weiter schlecht, kann Murdoch das Ruder an sich reißen und den Sonderweg bei der D-Box beenden.

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