Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.03.2003

09:00 Uhr

Verbraucherschützer sprechen von Bevormundung

Streit um Förderung der Altersvorsorge

VonHolger Alich

Das Konzept des Finanzwissenschaftlers Bert Rürup zur Besteuerung der Alterseinkünfte hat einen heftigen Streit ausgelöst, welche Finanzprodukte der Staat künftig fördern soll. Rürup will nur noch persönliche Rentenansprüche steuerlich bevorzugen. Dagegen regt sich sich breiter Widerstand.

DÜSSELDORF. Professor Bert Rürup ist illusionslos: "Jetzt werden die Lobbygruppen kommen und gegen unseren Vorschlag wettern", sagte der Finanzwissenschaftler gestern nach der Vorstellung seines Renten-Besteuerungskonzeptes bei einer Veranstaltung der Gothaer in Köln. In der Tat: Rürups Konzept zur Neuregelung der Besteuerung der Alterseinkünfte sorgt für Diskussionen in der Versicherungsbranche. Denn der Plan sieht unter anderem vor, das von der Versicherungsbranche lang verteidigte Steuerprivileg der kapitalbildenden Lebensversicherung zu kippen. Sollte der Plan der Rürup-Kommission Gesetz werden, wird die Produktlandschaft der deutschen Lebensversicherungsindustrie nicht mehr wieder zu erkennen sein.

Denn Rürups Plan (Details siehe Kasten) definiert "Altersvorsorge" sehr eng. Kurz gesagt sollen nur noch solche Produkte gefördert werden, die dem Sparer eine lebenslange Rente zusichern. Alle andere Sparverträge gelten als "Kapitalanlageprodukt" und sind aus seiner Sicht nicht förderungswürdig - also damit auch nach Inkrafttreten der Änderung abgeschlossene Kapitalbildende Lebensversicherungen - bei denen der Sparer am Ende der Vertragslaufzeit das angesparte Geld auf einen Schlag ausbezahlt bekommt - oder Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht. Mit insgesamt rund 90 Mill. Verträgen waren sie die bislang am häufigsten verkauften Altersvorsorgeprodukte.

Dieses Vorhaben kritisiert nicht nur der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft; auch Verbraucherschützern ist Rürups Altersvorsorge-Begriff zu eng gefasst. "Nur noch Leibrenten zu fördern, stellt eine Bevormundung der Verbraucher dar", sagt Edda Castello, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale in Hamburg. Zwar befürwortet sie die Streichung des Steuerprivilegs bei kapitalbildenden Lebensversicherungen, aber sie spricht sich für mehr Wahlfreiheit der Verbraucher bei der Wahl der geförderten Vorsorgeprodukte aus.

"Das Modell hat den Haken, dass der Vermögensaufbau für den Sparer nicht gefördert werden soll", sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata. "Reine Leibrenten sind vor allem für diejenigen attraktiv, die eine hohe Lebenserwartung haben. In dem Punkt sind etwa Frauen Männern gegenüber im Vorteil."

Aber noch ist Rürups Plan weit davon entfernt, als Gesetz tatsächlich verabschiedet zu werden. "Die Bundesregierung wird nicht die beliebteste Form der privaten Altersvorsorge merklich einschränken angesichts der wachsenden Vorsorgebedarfs", zeigt sich ein Sprecher des Marktführers Allianz Leben optimistisch.

Die Branche hat Erfahrung mit der Verteidigung ihres Steuerprivilegs - seit dem zweiten Weltkrieg ist dies nun schon der neunte Anlauf, den Steuervorteil für die Lebensversicherung zu streichen.

Sollte es in diesem Anlauf jedoch gelingen, das Steuerprivileg zu kippen, steht die Produktpalette der Anbieter vor großen Umwälzungen. "Die strengen Förderkriterien lassen wenig Raum für Produktinnovationen. Gerade in der so genannten ersten Schicht werden Standardprodukte dominieren", sagt Reiner Will. Für die Versicherer dürfte also Geschäft wegfallen - denn bislang diente die kapitalbildende Lebenpolice auch als Basis für Steuersparmodelle - etwa bei der Hausfinanzierung.

Der mögliche Trend zu standardisierten Produkten kann dem Kunden aber auch Vorteile bringen: "Einfachere Produkte führen oft zu mehr Wettbewerb bei den Kosten und der Leistung", sagt Thomas Wilhelm, Experte der Cash.life AG, einem Unternehmen, das bestehende Lebensversicherungen aufkauft. Wilhelm glaubt aber nicht, dass das Ende des Steuerprivilegs auch das Ende der kapitalbildenden Lebensversicherung bedeuten wird. "Da bei den nach Rürup geförderten Produkten das gesparte Kapital nicht übertragen oder beliehen werden kann, haben kapitalbildende Policen weiterhin Marktchancen."

Das gilt umso mehr, sollte das Rürup-Konzept tatsächlich ab 2005 gelten. Den bis dahin dürfte es zu einem enormen Boom bei den noch nach altem Recht geförderten Policen kommen - wie schon Ende 1999: Schon damals hatte Finanzminister Eichel einmal überlegt, das Steuerprivileg zu streichen. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Die Versicherer konnten sich in einem wahren Schlussverkauf über einen riesigen Zuwachs beim Neugeschäft freuen - und am Ende blieb ihnen das Steuerprivileg doch erhalten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×