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14.01.2003

16:00 Uhr

Verdacht der Steuerhinterziehung

Razzia beim Tabakkonzern Reemtsma

Fast 1000 Polizisten und Zollbeamte haben am Dienstag in Hamburg Büros des Tabakkonzerns Reemtsma sowie Privatwohnungen von Mitarbeitern durchsucht. Es bestehe der Verdacht der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung und der Beihilfe zur Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit ausgeführten unversteuerten Zigaretten, teilte das Zollfahndungsamt Essen mit.

Foto: dpa

HB/dpa HAMBURG/ESSEN. Ermittelt wird den Angaben zufolge gegen ein Vorstandsmitglied der Firma und mehrere Mitarbeiter. Die Essener Behörde bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung.

Die Durchsuchungen werden nach Angaben des Essener Zollsprechers Eugen Bresemann bis Donnerstag andauern. Dabei werde wegen der Größe des Firmenkomplexes Tag und Nacht im Schichtdienst gearbeitet. Ermittelt wird wegen der illegalen Wiedereinführung von zuvor unversteuert ausgeführten Zigaretten, wie Bresemann erläuterte. Diese sollen auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sein. Untersucht werde auch, ob ein Verstoß gegen das Irak-Embargo vorliege. "Es besteht der Verdacht, dass Mitarbeiter Zigaretten in den Irak geliefert haben und damit gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen haben." Bresemann machte keine Angaben über die Identität des Vorstandsmitglieds und über die Anzahl der verdächtigten Mitarbeiter.

Der britische Konzern Imperial Tobacco, zu dem Reemtsma seit dem vergangenen Jahr gehört, teilte am Dienstag mit, dass gegen Reemtsma - Mitarbeiter ermittelt werde, darunter auch gegen Marketing-Direktor Manfred Häussler. Imperial Tobacco werde die Behörden bei ihren Untersuchungen unterstützen, hieß es.

Die Durchsuchung von sechs Firmensitzen des Tabakkonzerns steht nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stade (bei Hamburg) in direktem Zusammenhang mit der Festnahme eines Großschmugglers im März 2001. Der Russlanddeutsche hatte seit Anfang der 90er Jahre Milliarden Schmuggelzigaretten überwiegend aus dem Hause Reemtsma verschoben und einen Steuerschaden von sechs Millionen Mark (knapp drei Millionen Euro) angerichtet, sagte der Sprecher der Anklagebehörde, Eckhard Bobeth, der Deutschen Presseagentur. Der Mann soll bei dem Konzern Zigaretten bestellt und an Firmen im Ostblock verschickt haben. Ein großer Teil landete später wieder als Schmuggelware auf dem deutschen Markt. Schon damals waren Büros des Reemtsma-Konzerns durchsucht worden. Der Konzern hatte 1999 seine Geschäftsbeziehungen zu dem Schmuggler abgebrochen, nachdem durchgesickert war, dass gegen diesen ermittelt wurde.

Im Mai 2001 leitete die Stader Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen den obersten deutschen Zollfahnder wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und des Verrats von Dienstgeheimnissen ein. Bei der Reemtsma-Durchsuchung im März 2001 hatten die Fahnder Beweise sichergestellt, die den Verdacht auf den damaligen Bonner Ministerialrat lenkten. Der Mann war verdächtigt worden, er habe Mitarbeiter der Firma Reemtsma gewarnt, die möglicherweise mit dem Schmuggler gemeinsame Sache gemacht hatten. Zum Stand der beiden Verfahren wollte Bobeth keine Auskunft geben.

Der Reemtsma-Konzern ist hinter Marktführer Philip Morris und der britischen BAT-Gruppe der dritte große Zigaretten-Konzern in Deutschland. Bekannteste Marke des Hamburger Unternehmens ist die "West". Der Konzern gehörte seit 1980 zur Tchibo-Gruppe der Hamburger Unternehmerfamilie Herz, die das Unternehmen im vorigen Jahr für mehr als sechs Milliarden Euro an die britische Imperial Tobacco verkaufte. Reemtsma produzierte nach den vorliegende Zahlen für das Jahr 2001 europaweit mehr als 122 Milliarden Zigaretten in zehn Fabriken.

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