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25.03.2003

08:34 Uhr

Verschärftes Sparprogramm wird rund 2 000 Jobs kosten – Kriegsbeginn bremst Urlaubsbuchungen weiter

Tui macht Ernst mit dem Sparen

VonMatthias Eberle

Europas größter Touristikkonzern Tui verschärft den Sparkurs deutlich: Im Geschäftsjahr 2003 sollen weitere 150 Mill. Euro Kosten gestrichen werden, nachdem sich der Reisekonzernbereits zuvor eine Sparrunde von 110 Mill. Euro verordnet hatte. Der Schrumpfkur werden rund 2000 Jobs zum Opfer fallen.

DÜSSELDORF. Das jüngste Sparpaket der Tui AG wird zu einem deutlichen Abbau von Arbeitsplätzen führen. Europas größter Reisekonzern teilte gestern mit, sein Kostensenkungsprogramm im laufenden Jahr um mehr als das Doppelte auf 260 Mill. Euro zu erhöhen. Für nächstes Jahr soll das Sparpaket noch einmal um weitere 100 Mill. Euro aufgestockt werden. Auf den Personalbereich soll etwa ein Drittel des Sparplanes entfallen.

Zwar will der Konzern Entlassungen nach offizieller Lesart "so weit wie möglich vermeiden". Wie ein Tui-Sprecher dem Handelsblatt bestätigte, gilt jedoch ein Abbau von rund 2 000 Arbeitsplätzen als unausweichlich. Allerdings seien 1 000 Stellenstreichungen bereits geplant gewesen. Tui wolle die Einsparungen in erster Linie durch natürliche Fluktuation, Altersteilzeit und unbezahlten Urlaub erreichen, hieß es. Die Konzernzentrale in Hannover will mit der Streichung von rund 100 Stellen im eigenen Haus ihren Beitrag leisten: "Der Personalabbau, auch in der Zentrale des Tui-Konzerns, ist ein konsequenter, unvermeidbarer Schritt, mit dem wir auch ein Signal in unsere operativen Einheiten senden", sagte Vorstandschef Michael Frenzel.

Die Tui mit ihren weltweit rund 70 000 Beschäftigten leidet wie viele andere Unternehmen der Branche unter der anhaltenden Reiseflaute. Die gebuchten Tui-Umsätze lagen Anfang des Monats noch einmal 6 % unter dem ohnehin schon schwachen Vorjahr. "Die Buchungslage ist seitdem nicht besser geworden", sagte der Tui-Sprecher - angesichts des Irak-Kriegs kein Wunder: Seit vielen Wochen halten sich die Menschen europaweit bei Urlaubsbuchungen zurück. Dass sie - wie Optimisten der Sonnenbranche hoffen - nur das Ende des Irak-Kriegs abwarten und anschließend in die Reisebüros strömen, ist keineswegs sicher. Einer neuen Studie des Europäischen Tourismusinstituts Trier zufolge werden zwar 56 % der Befragten 2003 Urlaub machen. 27 % gaben aber an, in diesem Jahr sicher oder vermutlich nicht zu verreisen. Dieser Wert habe sich seit Kriegsbeginn deutlich erhöht, heißt es in der Studie.

Auch die Finanzwelt preist inzwischen einen deutlichen Geschäftseinbruch für die Reisekonzerne ein. Analysten des US-Investmenthauses Merrill Lynch gaben gestern eine Verkaufsempfehlung für die Tui-Aktie ab und reduzierten die Gewinnschätzung für 2003 um 60 % auf nur noch 302 Mill. Euro vor Sonderposten und Firmenwertabschreibungen. Die Situation bei der Tui habe sich seit November 2002 "extrem verschlechtert". Nach der Abgabe von Energiebeteiligungen und Immobilien sowie dem angekündigten Verkauf der Handelsgeschäfte dürfte zudem die Ertragskraft des Konzerns weiter sinken, schreibt Merrill Lynch.

Nach einer kurzen Erholungsphase ging der Aktienkurs des deutschen Reisekonzerns gestern prompt wieder in den Sinkflug über: Tui-Papiere waren mit einem Minus von zeitweise 10 % Tagesverlierer im Dax. Der verschärfte Sparkurs soll Tui wieder auf die richtige Bahn bringen. "Wir werden mit diesen Maßnahmen die Ertragskraft des Konzerns weiter stärken und seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen", sagte Tui-Chef Frenzel.

Ein ähnlich umfassendes Sparprogramm hatte zuvor bereits der deutsche Tui-Rivale Thomas Cook (u. a. Neckermann) verabschiedet. Dessen Vorstandschef Stefan Pichler kündigte Anfang März weitere Einsparungen von rund 250 Mill. Euro an, um den Weg aus den roten Zahlen zu finden. Thomas Cook verbuchte im vergangenen Geschäftsjahr einen deutlichen Verlust in Höhe von 119,5 Mill. Euro. In diesem Jahr will der härteste Tui-Konkurrent trotz des aktuell widrigen Umfelds wieder in die Gewinnzone zurückkehren.

Tui und Thomas Cook haben seit Beginn des Irak-Kriegs nach Firmenangaben jeweils etwa 500 Umbuchungen vorgenommen. Einige Urlauber hätten ihren Türkei-Urlaub auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, bestätigte eine Thomas-Cook-Sprecherin. Gemessen am gesamten Reiseaufkommen bewege sich die Zahl der Umbuchungen aber im Promillebereich, hieß es.

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