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29.04.2003

07:40 Uhr

Versicherungen

Kommentar: Nur wenige sind berufen

VonFrank Wiebe

Henning Schulte-Noelle geht, Hans- Jürgen Schinzler geht auch. Die Chefs von Allianz und Münchener Rück, den beiden deutschen Versicherungsriesen, gehen in stürmischem Wetter.

Henning Schulte-Noelle geht, Hans- Jürgen Schinzler geht auch. Die Chefs von Allianz und Münchener Rück, den beiden deutschen Versicherungsriesen, gehen in stürmischem Wetter. Die Zeit, als deutsche Versicherungskonzerne in Geld schwammen und von Analysten gescholten wurden, weil sie zu große, zum Teil versteckte Finanzpolster vor sich herschoben, sind lange vorbei. Beide, Allianz und Münchener Rück, erlebten einen drastischen Einbruch ihrer Erträge, einen zuvor nicht vorstellbaren Verfall ihrer Aktienkurse und mussten unter diesen schwierigen Umständen an den Kapitalmarkt gehen, um ihre Reserven aufzufüllen.

Ist das Geschäft mit dem Risiko überhaupt noch aussichtsreich? Terror und Krieg, eine Dauerbaisse an den Börsen, ein immer unberechenbareres Klima, die Konzentration von Werten in Ballungsgebieten, eine ausufernde Rechtsprechung, vor allem in den USA: Die Anforderungen an die Versicherer steigen, ihre Stärke hingegen haben sie eingebüßt. Immer deutlicher wird daher der Trend, Risiken auf die Kunden und die Kapitalmärkte zu verlagern. Versicherungsbedingungen werden enger gefasst, Garantieversprechen zurückgefahren, Überschüsse später gutgeschrieben. Manche Risiken - etwa Terror oder Haftpflicht für Pharmaunternehmen - werden zunehmend unversicherbar, unverhohlen wird als letzte Absicherungsinstanz der Staat stärker in die Pflicht genommen. Auch die Banken marschieren in diese Richtung: Sie verbriefen Kreditrisiken und platzieren sie bei ihren Kunden.

Die Frage ist allerdings, ob sich so wirklich Risiken auffangen lassen. Die Kapitalmärkte sind nicht ohne Ende aufnahmefähig. Die Kunden sind zugleich Bürger und Arbeitnehmer - und tragen in dieser Eigenschaft auch immer mehr Risiken, weil Sozialversicherungssysteme und fest zugesagte Betriebsrenten zunehmend unfinanzierbar werden.

Dagegen steht: Der wirtschaftliche Wohlstand wird, trotz Börsenkrise und Konjunktursorgen, auch in den nächsten Jahren in den reichen Ländern noch weiter ansteigen. Auf längere Sicht verspricht das Geschäft mit dem Risiko daher wieder gute Gewinne. Gerade weil die Kunden Geld haben, werden sie immer versuchen, damit ihre Lebensrisiken einzuschränken. Gerade weil einige Finanzkonzerne Probleme haben und sich aus vielen Geschäftsbereichen zurückziehen, werden diese Märkte am Ende wieder vernünftige Margen abwerfen. Es wird nur nicht mehr jeder Anbieter auf allen Feldern mitspielen.

Die Zukunft gehört den Unternehmen, die entweder einen starken Vertrieb haben - oder tatsächlich noch in der Lage sind, Risiken in größerem Umfang zu schultern. Wer als Risikoträger Geld verdienen will, braucht spezielles Know-how, Finanzstärke und eine gute Position am Kapitalmarkt, um im Bedarfsfall nachladen zu können. Die deutschen Riesen - Allianz und Münchener Rück - haben all dies noch nicht verloren. Aber sie müssen heute ihre Strategie deutlicher machen, ganz klar auch sagen, was sie künftig nicht mehr machen wollen, damit sie auf Dauer das benötigte Kapital bekommen. Sie stehen erst am Anfang einer Entwicklung zu neuer Stärke, die dann ein schärferes Profil haben wird als die alte deutsche, gut gepolsterte Gemütlichkeit.

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