Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.01.2002

19:00 Uhr

Versteckte Preiserhöhungen werden kompensiert

Euro stützt die Konjunktur erst langfristig

VonRuth Berschens

Schwarzgeld und gehortetes Bargeld, das noch vor Einführung der Einheitswährung ausgegeben wurde, hat die Wirtschaft nur kurzfristig durch höheren Konsum angekurbelt. Sollte der Euro im kommenden Jahr tatsächlich an Wert gewinnen, würden sich die Exporte verteuern. Das könnte eine wirtschaftliche Erholung zunächst bremsen.

HB BRÜSSEL. Jetzt ist der Euro da und von allen Seiten wird seine segensreiche Wirkung beschworen: Die neue Währung beschere Europa ein höheres Wirtschaftswachstum, mehr Beschäftigung und Stabilität auf den Finanzmärkten, versprachen die EU-Staats- und Regierungschefs während ihres letzten Gipfeltreffens. Mittelfristig werde die Einheitswährung im Euroraum das Potenzialwachstum um ein Prozent erhöhen, schätzen Experten. Wenn das nur zur Hälfte zutreffe, wäre das ein fantastisches Ergebnis, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, am Montag bei einer Feierstunde zur Euro-Bargeldeinführung.

Diese erfreulichen Effekte der europäischen Einheitswährung werden allerdings noch auf sich warten lassen. "In sechs bis sieben Jahren wird der Euro uns rund einen Prozentpunkt zusätzliches Wirtschaftwachstum bringen", schätzt Martin Hüfner, Chefvolkswirt von der Hypo-Vereinsbank. Kurzfristig sehen viele Ökonomen in der größten Banknoten-Umtauschaktion der europäischen Geschichte lediglich eine technische Prozedur. Der eigentliche Start der Einheitswährung liege ohnehin schon drei Jahre zurück, meint Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Seine Schlussfolgerung: "Ich erwarte gar keine Auswirkungen auf die Konjunktur. Die Leute werden nicht mehr konsumieren, bloß weil sie jetzt den Euro in der Hand haben."

Dagegen will Hüfner von der Hypo Vereinsbank - trotzdem an das Gute im Euro glauben. Die Einführung der neuen Scheine und Münzen beeinflusse die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland durchaus günstig. "Die Verteilung des neuen Geldes und die Entsorgung der alten Scheine ist eine gewaltige logistische Leistung, die nur mit zusätzlichen Investitionen und Arbeitskräften zu bewältigen ist", gibt der Ökonom zu bedenken.

Außerdem hat der Abschied von der D-Mark viele kaufkräftige Konsumenten dazu veranlasst, ihre Bargeldbestände aufzulösen. Davon profitiere die Luxusgüterbranche, sagt Hüfner. Dies helfe der Konjunktur allerdings nur kurzfristig und in bescheidenem Ausmaß. Hüfner: "Im vierten Quartal 2001 und im ersten Quartal 2002 bringt uns der Übergang zum Euro-Bargeld einen Viertelprozentpunkt zusätzliches Wirtschaftswachstum."

"Periode der Stärke" für den Wechselkurs erwartet

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in München (Ifo), Hans-Werner Sinn, rechnet mit Folgen für den Wechselkurs. "Nach der Bargeld-Umstellung wird für den Euro eine Periode der Stärke beginnen", meint Sinn. Grund: Steuerhinterzieher hätten große Mengen Schwarzgeld in US-Dollar angelegt, damit sie beim Euro-Umtausch nicht vom Finanzamt erwischt werden. Zudem hätten viele Osteuropäer DM in Dollar getauscht, weil sie dem Euro noch misstrauten. Wenn die Einheitswährung erst einmal physisch vorhanden sei, werde das Vertrauen aber wachsen, meint Sinn. Deshalb werde das flüchtige Kapital bald in die Euro-Zone zurückkehren. Ein stärkerer Euro verteuert allerdings die Exporte deutscher Unternehmen und schadet damit der konjunkturellen Entwicklung.

Auch Joachim Volz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) glaubt, dass der Euro deutlich an Wert zulegen wird - wenn auch aus anderen Gründen. Sobald der Aufschwung in den USA nächstes Jahr einsetze, werde das ohnehin hohe US-Leistungsbilanzdefizit weiter steigen, sagt Volz. Darunter könne das Vertrauen der Anleger in den Dollar leiden. Die Folge: Der Euro wird attraktiver, sein Wechselkurs zum Dollar steigt.

Diese These vertritt auch Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Er hält den Euro derzeit für unterbewertet. "Vielleicht platzt nächstes Jahr der Knoten und die Anleger merken, dass die Zinsen in Europa zur Zeit viel attraktiver sind als in Amerika", sagt Döhrn.

Uneins sind die Ökonomen über den Zusammenhang zwischen Euro-Bargeld, Preise und Konsumnachfrage. "Der Einzelhandel könnte die Umstellung auf das Euro-Bargeld zu versteckten Preiserhöhungen nutzen", warnt Döhrn. Dies könne die Konsumnachfrage vorübergehend spürbar dämpfen. HVB-Chefvolkswirt Hüfner glaubt das nicht. "Die Euro-bedingten Preiserhöhungen haben wir längst hinter uns", sagt er. Bereits im Sommer habe der Einzelhandel still und heimlich Produkte verteuert und damit die Inflationsrate vorübergehend hochgetrieben. "Der Durchschnittspreis für ein halbes Pfund Butter ist zum Beispiel binnen Jahresfrist von 1,69 DM auf 1,89 DM gestiegen", weiß Hüfner. Die zusätzliche Gewinnspanne werde der Einzelhandel Anfang 2002 aber wieder einbüßen. "Wenn das Euro-Bargeld kommt, werden alle Verbraucher ganz genau die Preise vergleichen. Dann wird der Handel erheblich unter Preissenkungsdruck geraten", erwartet Hüfner. Das Euro-Bargeld werde die Konsumnachfrage also tendenziell stabilisieren.

Bei allen Widersprüchen in der Bewertung der kurzfristigen Effekte sind sich die Ökonomen über eines relativ einig: Mittel- und langfristig wird der Euro die Wirtschaft in Schwung bringen. Zum einen wegen der fallenden Transaktionskosten in Euroland: Umtauschgebühren entfallen, grenzüberschreitende Überweisungen werden preiswerter und die Wechselkursrisiken sind bereits verschwunden. Davon profitieren alle, die in Euroland auf Reisen gehen, Waren exportieren oder jenseits der Grenzen Geld anlegen. Zum anderen werden die Preise leichter vergleichbar, das lohnt vor allem beim Autokauf, wo die Preise innerhalb Europas stark differieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×