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05.06.2000

19:44 Uhr

Verteidigungsindustrie

Gute Geschäfte trotz sinkender Rüstungsbudgets

VonFlorian Kolf

Mit harten Umstrukturierungen haben die europäischen Rüstungshersteller auf das Ende des Kalten Krieges reagiert. Selbstbewusst sagen sie nun den Branchenriesen aus den USA den Kampf an.

BERLIN. Lange Zeit war das Auffälligste an der Rüstungsindustrie ihre Unauffälligkeit. Milliardenabschlüsse, die in anderen Branchen zu euphorischen Pressemitteilungen geführt hätten, wurden in Hinterzimmern ausgehandelt und nur auf Nachfrage mit dürren Worten kommentiert. Da der einzige Auftraggeber der Staat ist, war Öffentlichkeit für das Geschäft eher störend.

Doch das Ende des Kalten Kriegs veränderte die verschwiegene Branche dramatisch. Sinkende Rüstungsbudgets brachten selbst Großunternehmen wie Daimler-Benz Aerospace oder British Aerospace Anfang der Neunziger Jahre an der Rand der Existenz. Nur dramatische Umstrukturierungsmaßnahmen halfen, die Einnahmeausfälle zu kompensieren. Doch vor allem mussten die Firmen eins: raus aus ihrem nationalen Biotop und rein in die internationale Konkurrenz.

So ist etwa die Bewaffnung der Kampfjets vom Typ Eurofighter, die früher selbstverständlich von den beteiligten europäischen Firmen gleich mitgeliefert worden wäre, heute Gegenstand eines erbittert - und öffentlich - geführten Bieterwettbewerbs mit dem US-Anbieter Raytheon. So setzte sich der Chef von Daimler-Chrysler Aerospace, Manfred Bischoff, lautstark für die europäische Meteor-Rakete ein - mit Erfolg. Pünktlich vor der heute beginnenden Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin gab Großbritannien als einer der wichtigsten Kunden den Zuschlag.

Vorläufiger Höhepunkt der Kommerzialisierung der Rüstungsindustrie: Der Hersteller ziviler Verkehrsjets, Airbus, gründete eine Tochter, die Militärtransportflugzeuge bauen soll. "Wir können damit unsere Erfahrungen beim zivilen Flugzeugbau auf die militärische Produktion übertragen", erklärt Richard Thompson, Commercial Direktor der Airbus Military Company. Damit kann Airbus nun auch finanziell entscheidende Performancedaten wie etwa Spritverbrauch und Wartungskosten dem Käufer garantieren - ein Novum im Militärflugzeugbau, bei dem bisher eher militärische Fähigkeiten zählten.

Zugleich aber haben sich auch fast unbemerkt die Kräfteverhältnisse in der Rüstungsindustrie verschoben. Hatten bisher US-Giganten wie Lockheed Martin, McDonnell Douglas, Raytheon oder Northrop Grumman den Weltmarkt nach Belieben beherrscht, stehlen ihnen nun die Europäer immer öfter die Show. So werden beispielsweise nach Ansicht von Experten die europäischen Kampfjets Eurofighter, Gripen und Rafale die Exportschlager der kommenden zehn Jahre.

Die großen US-Konzerne haben sich in eine sehr unglückliche Lage gebracht. Insbesondere durch die Übernahmeschlachten der vergangenen Jahre haben sie gigantische Schuldenberge angesammelt. Größe allein, so dämmert ihnen, ist nicht entscheidend. "Die Unternehmen bemerken, dass ihr Bewegungsspielraum stark eingeschränkt ist", so Analyst Martin Knoblowitz von Standard & Poors, "sowohl was den Rückkauf von Anteilen angeht, als auch zur Zahlung von Dividenden und zu neuen Investitionen."

Die Folge: Anstatt in die Offensive zu gehen, müssen sie ihre Produktion verschlanken und Teile, die nicht zum Kerngeschäft gehören, abstoßen. So hat Lockheed Martin bereits seinen Bereich "Militärische Steuerungssysteme" an den europäischen Marktführer BAE Systems verkauft. Weitere Einheiten sollen folgen. Und auch Raytheon, bei dem der Cash Flow nach Angaben von CEO Daniel Burnham "das meist diskutierte Einzelproblem" ist, will Unternehmensteile im Wert von 500 Mill. $ verkaufen.

Strotzend vor Selbstbewusstsein präsentiert sich angesichts dieser Situation BAE Systems, die frühere British Aerospace. "Wir haben eine sehr gesunde Bilanz und ausreichend Mittel für weitere Akquisitionen", erklärt John Weston, Chief Executive Officer von BAE. Entwicklungsmöglichkeiten im Rüstungsgeschäft, so Weston, böten sich vor allem in den USA, wo BAE auch in Zukunft noch Übernahmen plant.

In der Rüstung sieht Weston auch künftig zwei große Trends, die die Kommerzialisierung der Branche befördern. "Die Kunden sind sehr interessiert daran, die Konkurrenz unter den Anbietern zu erhalten", hat der BAE-Chef beobachtet. Als aktuelles Beispiel dazu führt er den Joint Strike Fighter an, ein Kampfflugzeug der neuen Generation für die US-Streitkräfte.

Hier lässt die US-Regierung zwei Anbieter parallel Prototypen entwicklen - Boeing und ein Konsortium von Lockheed Martin und BAE.

Das zweite wichtige Thema sei die technische Unterlegenheit der europäischen Armeen, die sich besonders deutlich im Kosovo-Krieg gezeigt hat. In den USA, die bisher sehr zurückhaltend beim Export von Know How in der Rüstungstechnologie sind, beginne man zu sehen, dass größere technische Übereinstimmungen auch Vorteile bringen könnten.

Die ersten, der von einer möglichen Öffnung der USA in der sensiblen Rüstungstechnik profitieren könnten, wären aber nicht unbedingt BAE Systems. So hat der deutsche Konkurrent Daimler-Chrysler Aerospace kürzlich ein Abkommen mit Northrop Grumman geschlossen. Das Ziel: Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit im Rüstungsgeschäft ausloten.

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