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04.01.2001

17:45 Uhr

Vertrag mit Electronic Arts

Microsofts XBox soll Sonys Playstation die Krone entreißen

VonAxel Postinett

Microsoft wittert Morgenluft. Nach der verpatzten Einführung von Sonys Playstation 2 sieht Marketingchef Robbie Bach gute Chancen, Sony die Krone bei den Videokonsolen zu entreißen. Eine wichtige Rolle wird spielen, ob Microsoft die Unterstützung der Spiele-Entwickler gewinnt.

MÜNCHEN. Aus dem Sony-Flop beim Start der Playstation 2 will Robert Bach lernen: "Am Wochenende nach Thanksgiving - die wichtigsten Einkaufstage in den USA überhaupt - stand keine einzige PS 2 in den Regalen", schüttelt der "Chief X-Box Officer" von Microsoft den Kopf. Kunden, Handel und Software-Industrie waren sauer, 1 Million Konsolen sollten auf den Markt kommen, 500 000 waren es tatsächlich. Nun will Sony bis Jahresende insgesamt 1,3 Millionen PS 2 in den US-Markt pumpen, bis März sollen es 10 Millionern weltweit sein.

"Nummer Zwei zu sein ist doch kein Ziel"

Diese Panne will "Robbie" Bach ausnutzen und Sony - unangefochtene Nummer Eins des Konsolenmarktes - entthronen. Bach im Gespräch mit dem Handelsblatt: "Die Nummer Zwei zu sein ist doch kein Ziel. Sony hat die Türe aufgemacht. Und wenn eine Tür offen ist, war Microsoft immer schon sehr gut darin, schnell hindurch zu schlüpfen".
Es geht um viel Geld: Der Branchenverband Interactive Digital Software Association (IDSA) erwartet, dass der US-Markt für Videospiele (inklusive PC-Spiele) im Jahr 2001 um mindestens 11 %, eher um 15 bis 20 % wachsen wird. 2005 soll dann alleine im US-Markt die 10 Mrd. $-Schwelle (1999: 6,1 Mrd. $) im Umsatz überschritten sein. Damit würden die Amerikaner dann mehr Geld für Videogames als für Hollywood-Filme ausgeben.

Die wichtigsten Verbündeten sind die Spieleentwickler

Seit der X-Box-Ankündigung im März ist viel passiert. Das technische Design sei fertig, so Bach, Markteinführung soll Ende 2001 sein. Jetzt sichert sich Microsoft die wichtigsten Verbündeten: Spiele-Entwickler und Handel. Dabei will Bach mit seinem 500 Mill. $ Marketingetat die Enttäuschung nutzen, die der verpatzte PS 2-Start hinterlassen hat. Europa soll dabei zu einem Mittelpunkt in der Strategie werden. "Europa ist stark steigerungsfähig und vernachlässigt worden", so Bach. Ein Beleg: Als sich Probleme in den USA abzeichneten, verschob Sony die Europa-Premiere der PS2 schlicht einen Monat nach hinten auf Ende November 2000 und reduzierte die Stückzahlen drastisch. X-Box soll jetzt eine eigene Europa-Produktionsstätte erhalten. Pikanterweise soll sie wohl auch nach Japan liefern. Branchenkreise werten dies als Zeichen, dass Microsoft mit einem schweren Markteintritt in Japan rechnet und dort wohl auch nicht zuerst starten wird.
Wolfgang Ebert vom Spieleentwickler Konami räumt ein: "Startverschiebung und Mengenreduzierung bei der PS 2 haben weh getan". Konami gehört zu den wichtigsten der über 150 Xbox-Software-Partnern. Der Playstation 1 (PS 1)-Verkaufsrenner "Metal Gear Solid", von dem in Deutschland über 200 000 Stück verkauft wurden - wird jetzt auch für X-Box produziert. Das gilt auch für "Silent Hill 2": Vom Vorgänger wurden 100 000 Pakete in 12 Monaten abgesetzt.
Gerhard Florin von Electronic Arts (EA) Deutschland ist auch nicht glücklich über die Sony-Panne: "PS 2-Programmierung ist doppelt so teuer wie für die PS 1. Da wäre es schon schön, wenn man auch doppelt so viel verkaufen könnte." Doch das ist noch nicht so. Im Gegenteil: Nur 70 000 PS 2 fanden zunächst den Weg nach Deutschland. "Das, was wir gerne verkauft hätten, war bei den Stückzahlen einfach nicht drin". Für die börsennotierte EA könnte das ein Umsatzminus bedeuten. Der nächste Quartalsbericht kommt Ende Januar.
Auch mit dem Branchenführer EA - sein Fehlen in der Freundesliste der X-Box wird aufmerksam registriert - sei man sich quasi schon einig, beteuert Microsoft-Mann Bach. Es gehe nur noch um Details. Nach Handelsblatt-Informationen soll der Abschluss der weit reichenden Kooperation noch diese Woche bekannt gegeben werden. Erfolgsspiele wie "Fifa Soccer" oder "Formel 1" finden dann den Weg auf die X-Box.

Spieleentwickler tun sich schwer mit der PS 2

Exklusiv nur für X-Box wird nun sogar der Nachfolger der PS 1-Kultserie Oddworld, "Munch s Oddysee", erscheinen. Die PS 2-Version wurde überraschend komplett gestoppt. Oddworld-President Lorne Lanning hatte mehrfach von Problemen und kostspieligen Verzögerungen bei der PS 2-Entwicklung gesprochen. Das Spiele-Fach-Magazin "Fun Generation" schrieb Mitte des Jahres "PS 2 ist schwer zu programmieren. Viele Entwickler murren und würden sich lieber nur noch um Dreamcast und X-Box kümmern." Die neuen Konsolen verlangen den Kreativen alles an Know-How ab. Das fehlt es manchem offenbar an Unterstützung aus Japan. Doch das will David Patton, Marketingchef von Sony Europa, so nicht gelten lassen. Sicherlich hätten einige Entwickler tief durchatmen müssen". Doch jetzt überwiege die Begeisterung. Bislang sei nur ein einziges exklusives Spiel zur X-Box gewandert. Die Entwicklergemeinde belaufe sich auf über 400, so Patton.

Der Videospiele-Markt soll in Europa bis 2005 den Musikmarkt überholen

Demnach muss Robbie Bach von Microsoft noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Unterstützung der Spielehersteller wird für ihn entscheidend sein. Denn richtige Gamer sind nur loyal zu Spielen, nicht zur Hardware. Setzt sich in den Chaträumen die Meinung fest, dass X-Box tolle Technik mit drittklassigen Spielen bietet, wäre der Erfolg gefährdet. Und das wäre mehr als ärgerlich, denn Bill Gates hat dem Entertainment-Sektor strategische Bedeutung zugewiesen. Bach: "Wir haben den Markt betreten, weil hier hohe Wachstumsraten erwartet werden". In Europa werde der Game-Markt 2005 die Musikindustrie überholt haben. Also muss auch zu Beginn alles klappen. Das weiß auch Sony. Und der Riese aus Japan hat einen riesigen Vorteil: Wenn die X-Box kommt, hat Sony bereits Millionen von neuen Playstations im Markt. Außerdem hat Sony ein Netz aus Film-, Musik-, Mobilfunk- und Consumer-Elektronik, mit der die Japaner ihre PS 2 unterstützen. Und dann kommt jetzt offenbar auch noch AOL als Onlinepartner mit ins Boot. Das hat Microsoft nicht zu bieten. Und die Zeit ist knapp. Noch nicht einmal die endgültigen Entwickler-Werkzeuge sind ausgeliefert, die Software-Spezifikationen sind noch nicht festgelegt. Gerhard Florin fasst es knapp zusammen: "Die Markteinführung 2001 ist ein ehrgeiziges Ziel. Wir wünschen Microsoft viel Erfolg."

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