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27.01.2003

07:16 Uhr

Vertragsanfechtung oft besser als Kündigung

Guck mal, wie toll ich bin

VonClaudia Tödtmann (Handelsblatt)

Je härter die Zeiten, desto unredlicher die Jobsucher: falsche Zeugnisse, dubiose Titel, geschminkte Lebensläufe gehören zum Alltag. Den Unternehmen fällt das oft nicht auf - sie glauben blauäugig an das Gute im Bewerber. Dabei wäre mit wenig Aufwand viel Schaden zu verhindern. Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, raten Arbeitsrechtler, nie zu kündigen, sondern den Vertrag anzufechten.

CC Compunet ist konsequent: Jeden Bewerber lässt der Münchner IT-Dienstleister neuerdings von einer Detektei durchchecken, bevor er einen Arbeitsvertrag zum Unterschreiben bekommt. Ausnahmslos.

Billig ist das nicht, immerhin zählt CC Compunet allein in Deutschland 3 700 Mitarbeiter. "Diese Praxis ist auch bei unserer Mutter, General Electrics aus USA, generell üblich. Dort gibt es keine Zeugnisse," erklärt CC-Compunet-Personalreferentin Marija Maric.

Eine übertriebene Maßnahme? Hans-Christian von Stosch, Geschäftsführer beim Personalberater Dr.Heimeier & Partner glaubt das nicht. Er schätzt: Jeder zehnte Bewerber lügt in seinen Unterlagen. Hochschulabschlüsse würden erfunden oder anders datiert, Tätigkeiten ausgeschmückt, Fähigkeiten oder Vereinsmitgliedschaften vorgegaukelt; zählt der Stuttgarter auf.

"Manche Jobsuchende fügen ihrem Zeugnis eine angebliche Personalverantwortung hinzu - obwohl sie nie mehr als Sachbearbeiter waren," ergänzt Astrid Köstinger, Headhunterin bei PSD Group, der internationalen Personalberatung in Frankfurt. "Andere erfinden eine Selbständigkeit, aber die IHK kennt sie nicht." Auch so mancher Abschluss aus Amerika ist getürkt - weil er ohnehin nur sehr schwer zu überprüfen ist.

Warum immer mehr Bewerber manipulieren, lügen und betrügen? Weil die Wirtschaftslage immer schlechter wird und der Konkurrenzdruck stark ansteigt. Die Jobsuchenden fahren die Ellenbogen aus, um es in die Endrunde der Auswahl zu schaffen und vielleicht im Vier-Augen-Gespräch überzeugen zu können.

Hinzu kommt, dass die Probleme zum Teil von den Unternehmen hausgemacht sind: Um ihr eigenes Image zu erhöhen, schraubten sie die Anforderungen in ihren Stellenangeboten immer höher. Gängiger Kollegen-Witz über die Stellenausschreibungen am Schwarzen Brett: Auf meinen Job bräuchte ich mich heute nicht mehr bewerben.

"Die Firmen suchen den 25jährigen mit zehn Jahren Berufserfahrung," spottet Headhunterin Köstinger. "Auch wenn es völlig utopisch ist und alle wissen, dass niemand dieses Optimalprofil hat."

Das Fälschen von Zeugnissen oder der Vita ist im Computerzeitalter nicht mal schwer. Dennoch treten die etliche Unternehmen Stellensuchenden gradezu blauäugig gegenüber. Viel zu wenige starten eine Anfrage über den Kandidaten bei einer Auskunftei wie Creditreform, checken den Namen mal bei der Internet-Suchmaschine Google ab oder achten auf schlechte Kopien.

Marcus Brans, Personalmanager bei der US-Anwaltskanzlei Shearman & Sterling in Düsseldorf ruft bei Stellenbewerbern mit Doktortitel gerne mal den Doktorvater direkt an - mit Erfolg. So hatte ein Jurist einen Professor aus Münster als Doktorvater angegeben, der aber in München lehrte. Dadurch flog er auf. Brans: "Der kleinste Widerspruch sollte hellhörig machen."

Personalprofis empfehlen Referenzanrufe bei zwei bis drei Vor-Arbeitgebern. Köstinger: "Wenn ein Kandidat schon zögert, Referenzen zu nennen, sollte man misstrauisch werden." Zumal die Kosten von Fehlbesetzungen hoch sind: "Der Verlust liegt schnell bei mehreren tausend Euro."

Headhunterin Barbara Hartmann von Heidrick & Struggles geht noch weiter. Sie besteht immer auf drei Referenzen aus verschiedenen Hierarchiestufen: ein Vorgesetzter, ein Kollege und ein Mitarbeiter. Damit das Bild des Kandidaten komplett wird.

Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer der Stuttgarter Kanzlei Gleiss & Partner kritisiert: "Viele Arbeitgeber begnügen sich mit Kopien statt Originalzeugnissen." Doch diese Rücksicht sei fehl am Platz. Selbst seine Kanzlei sei kürzlich beinahe einem Betrüger aufgesessen: ein Office Manager mit 75 000 Euro Jahresgehalt. Der Vertrag war bereits unterschrieben. Der Mann hatte einen guten Eindruck hinterlassen. Doch ein Kontrollanruf beim Ex-Arbeitgeber konnte gerade noch Schlimmeres verhindern: Auf die Frage, wie der Kandidat in den vergangene zwei Jahren gearbeitet habe, herrschte erst Schweigen. "Wie lange soll der bei uns gewesen sein?" war die erstaunte Rückfrage. Tatsächlich waren es nur drei Monate. Dann musste der Mann wegen Unfähigkeit das Feld räumen.

Die Anwälte zogen sofort die Konsequenz: Wegen der Fälschung der Zeugniskopien erstatteten sie Strafanzeige wegen so genannter Anstellungsbetrugs. Den unterschriebenen Arbeitsvertrag fochten sie an (Paragraph 123 Bürgerliches Gesetzbuch). "Es ist wichtig, nicht den Vertrag fristlos zu kündigen, sondern anzufechten," betont Jurist Bauer. Das Arbeitsverhältnis endet dann auch sofort. Der Vorteil: Der Betriebsrat braucht nicht erst befragt werden, es geht keine Zeit mehr verloren. Genießt eine Schwangere oder ein Behinderter Sonderkündigungsschutz, ist bei einer Anfechtung - anders als bei Kündigung - keine Genehmigung der Aufsichtsbehörde nötig.

Meist kommen diese Fälle durch Zufall ans Tageslicht: von Stosch berichtet von einem Bewerber, der eine Firmenvisitenkarte verteilte, die seit drei Jahren überholt war. Nur weil im letzten Moment ein Termin verschoben werden sollte und man dort anrief, kam alles heraus.

Manchmal sind es gezielte Tipps, erzählt Bauer: Etwa der von der Ex-Ehefrau, die sich über Unterhaltsstreitigkeit mit dem Ex-Gatten geärgert hatte. Bei der Lokalpresse fand sie ein offenes Ohr für ihren Hinweis, dass der Doktortitel des Bankdirektors erfunden war. Seinen Job bielt er nicht mehr lange.

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