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23.01.2003

08:19 Uhr

Vertrauensschwund gegenüber Politikern und Managern

Davos im Schatten der Irak-Krise

VonChristoph Rabe

Unter nie dagewesenen Sicherheitsvorkehrungen trifft sich die Politiker- und Managerelite dieses Jahr wieder zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Angesichts der globalen Krisenherde, Unternehmensskandale und Wirtschaftsschwäche gilt es vieles aufzuarbeiten, vor allem "Vertrauen zu schaffen".

DAVOS. Der Irak-Konflikt, der Ölpreis-Schub, die weltweite Börsen- und Konjunkturmisere, die nach wie vor große Kluft zwischen Arm und Reich, der Vertrauensschwund in die Führungsqualitäten von Politik und Wirtschaft: Die globalen Probleme liefern die Stichworte für das diesjährige Treffen des Weltwirtschaftsforums, das heute in Davos beginnt. Klaus Schwab, Präsident des WEF, diagnostiziert "schwierige Zeiten" und sieht "dunkle Wolken" am Horizont aufziehen. Bedingungen, die dem Forum wieder viel Publicity versprechen.

Die Organisatoren haben den Rahmen des Forums dieses Jahr allerdings bescheidener als zuvor abgesteckt. Angesichts der weltweiten Krisen müssen die Teilnehmer auf die schon zur Tradition gewordene Soirée verzichten. In Zeiten globaler Unsicherheiten tanzt der Kongress nicht. Das war selbst nach den Terroranschlägen auf New York noch anders. Schwab hat den 2000 teilnehmenden Politikern, Wissenschaftlern, Wirtschafts- und Religionsführern Reflexion statt Feiern verordnet.

"Vertrauen schaffen" lautet die Devise von Davos. Als Gesprächsgrundlage finden die Teilnehmer eine brisante Umfrage vor. Demnach sinkt das Vertrauen in politische und unternehmerische Führungsfähigkeiten rapide. Weder die politische Bewältigung der Terroranschläge des 11. September 2001, die Schwab im vergangenen Jahr spontan zu einer Verlegung des Treffens nach New York veranlasst hatten, noch der Umgang mit Unternehmenspleiten erhält Beifall. Am wenigsten in Deutschland, das unter allen beteiligten Ländern die rote Laterne in Sachen Pessimismus trägt.

Bevor er überhaupt ausgebrochen ist, drücken der drohende Irak-Krieg und seine Auswirkungen für die Stabilität im Nahen Osten und die Weltwirtschaft dem Treffen einen Stempel auf. Die Konsequenzen eines eventuellen Einmarsches der Amerikaner ziehen sich wie ein unsichtbarer roter Faden durch die Davoser Diskussionstage. Zu ihrem Abschluss werden neun irakische Oppositionspolitiker über die Perspektiven eines demokratischen Iraks diskutieren. Einen Tag bevor Hans Blix, Chef der Uno-Waffeninspekteure, in New York seinen Bericht vorlegt, wird US-Außenminister Colin Powell in Davos das Wort ergreifen. Am Tag nach Blix dürfte US-Präsident Bush in der Rede an die Nation für mehr Klarheit über eine Operation gegen Saddam sorgen.

Schwab sieht sein Forum daher wieder einmal im Rampenlicht gut positioniert und spricht von einem "möglicherweise historischen Moment", zumal auch an die nordkoreanische Regierung eine Einladung verschickt worden ist. Ob ein Vertreter Pjöngjangs den Nobelskiort für direkte Kontakte mit den Vereinigten Staaten zur Lösung des Konfliktes um das Atomprogramm nutzen wird, ist allerdings noch "sehr ungewiss", heißt es.

Zeitgleich zum Forum wird zum vierten Mal die Alternativkonferenz "The Public Eye on Davos", die von mehreren Entwicklungs- und Umweltorganisationen getragen wird, die Rolle transnationaler Konzerne sowie die ökologischen und sozialen Folgen der Globalisierung unter die Lupe nehmen. Als Eröffnungsredner wurde der ehemalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine gewonnen. Als "Brückenschlag" zu den Nichtregierungsorganisationen (NGO) versteht das WEF eine Veranstaltungsreihe, die in das Programm von Davos eingebettet worden ist. Im Rahmen des "Open Forum" wollen WEF und NGO versuchen, die viel kritisierte Sprachlosigkeit zu überwinden.

Beide Foren finden unter ungeheurem polizeilichem Aufwand statt. 14 Mill. sfr ist der Schweiz die Sicherheit von Politik- und Manager-Promis wert, zu denen auch Bundespräsident Johannes Rau, US-Expräsident Bill Clinton, der neue Präsident Brasiliens, Luiz Ignazio Lula da Silva, Jordaniens König Abdullah sowie die komplette neue Führungsspitze der Türkei zählen. Unter den Konzernchefs befinden sich Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Josef Ackermann, Nestlé-Chef Peter Brabeck, Novartis-Boss Daniel Vassella und Microsoft-Gründer Bill Gates. Für sie wurde der gesamte Luftraum über Davos gesperrt, 1500 Soldaten sichern den Konferenzort ab.

Erstmals jedoch dürfen explizite WEF-Kritiker in der Nähe des Konferenzzentrums einen Protestmarsch durchführen. Das ist nun offenbar ganz im Sinne des Forums. Schließlich fühlt sich dessen Gründer Klaus Schwab "als einer der ersten Globalisierungsgegner überhaupt".

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