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21.01.2003

08:30 Uhr

Verurteilung wegen Kursbetrugs unwahrscheinlich

Anklage gegen Haffa-Brüder gerät ins Wanken

VonCaspar Busse (Handelsblatt)

Im Betrugs-Prozess gegen die Brüder Thomas und Florian Haffa deutet sich eine entscheidende Wende an. Seit dem vergangenen November müssen sich beiden früheren EM.TV-Chefs vor dem Landgericht München verantworten. Bislang mussten sie zittern, doch am Montag hat sich das Blatt gedreht. Offenbar gerät der zentrale Anklagepunkt der Staatsanwaltschaft, der Vorwurf des Kursbetrugs, ins Wanken. Damit rückt auch eine Gefängnisstrafe für die Haffas in weite Ferne.

Die Haffa-Brüder im Gerichtssaal. Foto: dpa

Die Haffa-Brüder im Gerichtssaal. Foto: dpa

MÜNCHEN. Auslöser für die Wende ist das Gutachten von Bernd Rudolph. Der Betriebswirtschaft-Professor war als Sachverständiger geladen und sollte klären, ob es zwischen der Veröffentlichung der fehlerhaften Halbjahreszahlen im August 2000 und dem Kursverlauf der EM.TV-Aktie einen direkten Zusammenhang gibt. Dieser Punkt ist entscheidend: Denn eine Verurteilung wegen Kursbetrugs kann es nur geben, wenn nachgewiesen wird, dass der Aktienkurs manipuliert worden ist.

Dafür sieht der Sachverständige Rudolph jedoch keine Anzeichen. Die fragliche Adhoc-Meldung vom 24.8.2000, mit der die Halbjahreszahlen veröffentlicht wurden, habe "keinen prägenden Richtungswechsel" der Aktie bewirkt. Zwar sei die EM.TV-Aktie an jenem Tag um etwa 10 % nach unten gerutscht, doch habe dies "innerhalb der normalen Bewegung des Marktes" gelegen. Nur kurzfristig sei es nach der Meldung zu einem Rückgang gekommen, insgesamt aber habe die Aktie im August 2000 zugelegt. "Ich kann sogar nicht ausschließen, dass die Kursreaktion ein reines Zufallsergebnis war", fügte Rudolph am Montag vor Gericht an. Die Vorsitzende Richterin Huberta Knöringer hatte daraufhin keine Fragen mehr.

"Die Aussagen waren klar. Der Vorwurf des Kursbetrugs kann damit nicht mehr aufrecht erhalten werden", freute sich nach der Verhandlung Sven Thomas, Verteidiger von Florian Haffa. Staatsanwalt Peter Noll gab sich dagegen zerknirscht: "Es sieht im Moment nicht danach aus, dass ein Tatnachweis in diesem Punkt geführt werden kann." Sollte es nicht zu einer Verurteilung wegen Kursbetrugs kommen, geht es nur noch um eine Ordnungswidrigkeit, die mit Geldstrafe geahndet werden könnte.

Richterin Knöringer will den Prozess nach dieser Wendung jetzt schnell zu einem Ende bringen und möglicherweise noch im Februar ein Urteil verkünden. "Ich gehe im März zum Skifahren, und da weiß man nie genau, ob man wieder kommt", scherzte die Richterin. Aber an einem schnellen Ende sind jetzt alle Beteiligten interessiert. Das Gericht setzte noch drei Verhandlungstermine an.

Noch in der vorigen Woche hatte es sogar so ausgesehen, als könne der Prozess wegen Zeitverzugs vorzeitig beendet werden. Die Verteidiger hatten einen Sachverständigen vorgeschlagen, den der Staatsanwalt wegen Befangenheit ablehnte. Die Suche nach einem neuen Experten gestaltete sich schwierig, der Prozess drohte zu platzen. Nun soll Betriebswirtschaft-Professor Wolfgang Ballwieser zu den umstrittenen Bilanzierungsfragen der amerikanischen EM.TVTochter Jim Henson Stellung nehmen. Das Verfahren gegen die Haffas gilt als Musterprozess gegen Manager des Neuen Marktes.

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