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28.01.2003

07:51 Uhr

Viele Aktien auf 10-Jahres-Tief

Billige Aktien sind nur selten günstig

VonUlf Sommer

Allianz, Daimler-Chrysler und Tui - immer mehr Aktien aus dem deutschen Auswahlindex notieren auf dem tiefsten Stand seit über zehn Jahren. Analysten raten dennoch zur Vorsicht. Viele Unwägbarkeiten können die Aktien erheblich teurer machen, als sie auf den ersten Blick aussehen.

DÜSSELDORF. An den Aktienbörsen wimmelt es derzeit von Superlativen - negativen versteht sich. Die Aktien der Münchener Rück zum Beispiel fielen gestern zeitweise um 6,5 % und markierten damit ein Sechsjahres-Tief. Im direkten Vergleich mit anderen Werten des Deutschen Aktienindexes (Dax) nimmt sich dieser Rekord noch nicht einmal besonders dramatisch aus. Im Gegenteil: Damit liegt der Rückversicherer im allgemeinen Trend. Die Marktkapitalisierung des Chemiekonzerns Bayer bewegt sich auf dem Stand von 1993. Noch schlimmer sieht es bei der Allianz und Daimler-Chrysler aus. Ihre Anteile notieren auf dem 92er-Niveau. Den Rekord in dieser Disziplin stellt allerdings die Hypo-Vereinsbank auf: So günstig wie gestern gab es die Bayern - abgesehen von drei Tagen im Oktober 2002 - zuletzt im Januar 1983!

Doch sind die Aktien dieser Unternehmen deswegen wirklich billig? Analysten sind skeptisch. Sie verweisen auf die Probleme und "Fallen", die bei vielen dieser Konzerne bestehen und die Bewertungsrelationen einer Tui, Allianz und anderer Papiere rasch wieder zu Ungunsten des Anlegers verschieben können - ohne dass sich der Kurs auch nur um einen Cent nach oben oder unten bewegt.

Verantwortlich für die Tiefstände en masse ist ein Gemisch aus Kriegsangst und konjunkturellen Sorgen, gepaart mit einer Abwärtsspirale an den Börsen. Die Optimisten wurden in den vergangenen Wochen mehr als einmal auf dem falschen Fuß erwischt. Zu oft mussten sie erleben, dass sich ihre Käufe als Fehlinvestitionen erwiesen. Und auch diesmal scheint sich die monatelange Seitwärtsbewegung nicht als das Ende der Baisse, sondern nur als Pause vor dem Angriff auf neue Tiefs zu erweisen.

Bis zu den Dax-Tiefständen im vergangenen Oktober, als der Dax auf 2 519 Zähler gefallen war, ist es nicht mehr weit. Falls durch einen Irak-Krieg die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzt, müssen die Gewinnerwartungen der Unternehmen nach unten korrigiert werden. Beispiel Allianz: Aktuell liegt das Kurs-Gewinn- Verhältnis (KGV) für den Versicherer bei neun auf Basis der erwarteten Gewinne im laufenden Jahr. Für 2004 beträgt das KGV sogar nur sechs. Immer mehr Investmenthäuser zweifeln aber an den durchschnittlichen Gewinnschätzungen, die diesen Werten zu Grunde liegen. "Wir liegen mit unseren Prognosen für das Ergebnis 2003 noch einmal 20 % unter den durchschnittlichen Erwartungen", heißt es bei Merrill Lynch. Die Aktie wird zum Verkauf empfohlen.

Der Grund dafür, dass die Gefahr von Gewinneinbrüchen beim Versicherer als so groß angenommen wird, ist die Lage an den Finanzmärkten: Je tiefer die Kurse fallen, desto stärker sinkt der Wert der Beteiligungen. Dazu kommen die Verluste aus der Aktien-Anlage der Versichertenbeiträge. Für Morgan Stanley Dean Witter ist das Allianz-Papier sogar dasjenige mit der größten Abhängigkeit vom Aktienmarkt. Deshalb sei das Enttäuschungspotenzial groß. Anleger sollten den Titel "untergewichten". Etwas besser urteilt die West-LB. Allerdings klingt die Höherstufung von "untergewichten" auf "neutral" - das Kursziel sei nach dem Kursverfall erreicht - nicht optimistisch. Negative Überraschungen bei den Zahlen für das vierte Quartal 2002 will auch die West-LB keinesfalls ausschließen.

Kaum besser sind die Einschätzungen für Bayer. Der Chemiekonzern leidet unter dem schwachen Dollar. Exporte verteuern sich, je mehr der Euro an Wert gewinnt. Bear Stearns bezeichnet eine Zerschlagung der Konglomeratsstruktur - Verkauf der Pharmasparte - als besten Weg für einen Wertzuwachs. Zudem sieht Merrill Lynch die Aussichten im Pharmabereich als "eher schwach" und die Gesamtaussichten für 2003 als "gemischt".

Tui halten viele Analysten zwar für unterbewertet - beispielsweise sieht Christian Dolleschal von Dresdner Kleinwort Wasserstein den fairen Wert der Anteile bei 16 bis 19 Euro -, doch angesichts des negativen Gesamtumfeldes ist die Reiselust der Konsumenten gedämpft. Er urteilt daher: "Wir denken nicht, dass es derzeit die rechte Zeit ist, in die Aktie eines Unternehmens zu investieren, das vom Massentourismus abhängt." Die meisten Investoren sehen das genauso: Tui fielen gestern auf ein Zwölfjahres-Tief.

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