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03.01.2003

11:02 Uhr

Viele Experten setzen immer noch auf Konsumtitel

Europäische Strategen glauben an leichte Erholung

VonSilvia Ascarelli (Wall Street Journal)

Die europäischen Aktienmärkte sollten in diesem Jahr wieder steigen. Darüber sind sich die Experten weitgehend einig nach drei Jahren mit Kursrückgängen - zuletzt ein Minus von 32 % beim Stoxx 600, der die 600 größten Aktien des Kontinents vereinigt. Aber wie weit geht es nach oben? Die Bullen rechnen mit einem Plus von bis zu 20 %, die Bären zumindest mit einstelligen Gewinnen. Aktien sind attraktiver als Anleihen, wenn man die Bewertung anschaut, sagen viele, aber im historischen Vergleichen sind sie immer noch nicht ausgesprochen sexy. Einig sind sich Bullen und Bären darin, dass Branchen auf der Gewinnerliste stehen werden, die die Kraft haben, die Preise zu erhöhen und ihre Margen zu verbessern. Daher sind zurzeit Versicherungs-Papiere - die großen Verlierer 2002 - eine überraschend häufig gehörte Empfehlung.

LONDON. "Aktien werden steigen, nicht sehr, aber Anleihen werden fallen", sagt Abhijit Chakrabortti, globaler Aktienstratege bei JP Morgan. Er sieht einen durchschnittlichen Anstieg von 15 % für die Aktien voraus. Richard Davidson von Morgan Stanley, der vor einem Jahr relativ vorsichtige Prognosen abgegeben hat, glaubt sogar, dass die europäischen Märkte um rund 20 % zulegen werden. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 sei ein Anstieg der Unternehmensgewinne zu beobachten, auch das Übernahmegeschäft springe wieder an, außerdem habe die Europäische Zentralbank endlich die Zinsen gesenkt. Längerfristig ist Davidson allerdings vorsichtig - nach einem Anstieg im ersten Halbjahr erwartet er Rückschläge. Bert Jansen von dem französischen Wertpapierhaus Exane befürchtet dagegen für die erste Jahreshälfte: "einen rauen Ritt." Er befürchtet, dass übertriebene Gewinnerwartungen enttäuscht werden und die Märkte noch vor dem Sommer auf ihre Tiefstände vom vergangenen Oktober absacken könnten.

Selbst die Bullen sind der Meinung, dass Europa aus globaler Sicht eher der falsche Platz für die Aktienanlage ist. Das Wachstum werde sowohl auf volkswirtschaftlicher Ebene als auch bei den Unternehmensgewinnen in den USA höher sein. Asiatische Gesellschaften würden zudem stärker von einer weltweiten Erholung profitieren als europäische. Chakrabortti etwa erwartet in Europa einen Kursanstieg von 10 bis 12 %, dagegen 15 % in den USA und 20 % in Asien (einschließlich Japan). "Europa ist eine langsam wachsende Region, und ich sehe nicht, dass sich das ändert", sagt auch Jacob van Duijn, Anlagestratege bei Robeco, der größten niederländischen Fondsgesellschaft. "Außerdem ist Europa völlig abhängig von den USA."

Wie schon 2002 bleibt auch in diesem Jahr die US-Konjunktur das große Thema für die Investoren. Viele von ihnen fragen sich, wie lange die US-Verbraucher den Motor in Gang halten können. Sie befürchten daher ein gebremstes Wachstum oder sogar einen erneuten Einbruch, trotz der historisch niedrigen Zinsen und der versprochenen Steuerkürzungen. Die von Analysten erwarteten Gewinnschätzungen, die für Europa rund 30 % betragen, seien daher unrealistisch. Die Aktien seien bestenfalls angemessen bewertet, aber sicherlich nicht billig.

Dazu kommt, dass weniger Geld an die Börse fließt. Die Anleger investieren zwar immer noch in Aktienfonds, aber in den vergangenen zwölf Monaten ist der Zufluss auf das niedrigste Niveau seit sechs Jahren gesunken. Pensionsfonds halten sich ebenfalls zurück. Der Bärenmarkt hat viele von ihnen, vor allem in Großbritannien, dazu gebracht, langfristig mehr auf Anleihen zu setzen.

Bleibt die Frage, welche Aktien die besten Chancen bieten. In diesem Punkt gehen die Meinungen weit auseinander. Richard Davidson von Morgan Stanley zum Beispiel warnt ausdrücklich vor Konsumwerten, speziell auch vor Nahrungs- und Genussmittelaktien. Sie sind nach seiner Meinung zu teuer. Abhijit Chakrabortti von J.P. Morgan hingegen setzt ausdrücklich auf diese Branchen. Er empfiehlt zum Beispiel Unilever, Nestlé, British American Tobacco und Reckitt Benckiser. Seine Begründung: Diese europäischen Aktien seien günstiger bewertet als vergleichbare US-Titel wie Gillette, Procter & Gamble und Coca Cola. Er setzt hinzu, sein Haus bevorzuge weltweit auch Industriewerte, aber in diesem Bereich gebe es in Europa keine aussichtsreichen Kandidaten.

Bert Jansen von Exane findet die europäische Basisindustrie relativ interessant und nennt als Branchen die Chemie und die Bauindustrie. Auf seiner Empfehlungsliste stehen aber auch Nahrungsmittel- und Konsumaktien - etwa Diageo, Interbrew, Danone und Carrefour. Telekomwerte seien hingegen schon genug gelaufen, und gegenüber Pharma- und Technologiewerten ist er ebenfalls skeptisch.

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