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14.07.2000

11:04 Uhr

Viele laufende Aktienanleihen notieren zur Zeit unter ihrem Nominalwert

Aktienanleihen - Falle für Spekulanten

VonReiner Reichel , THOMAS LUTHER

Anleihen, die unter Nennwert gehandelt werden, bieten hohe Gewinnchancen. Das Finanzamt sitzt bei der Finanzwette mit im Boot.

Auf dem Papier sieht alles fast zu schön aus, um wahr zu sein. Mehr als zwölf Prozent können Anleger bis zum 4. Mai 2001 an Aktien der Evotec AG verdienen, ohne dass sich die Anteilsscheine an dem Biotechnologieunternehmen bis dahin auch nur einen Cent bewegen müssen. Möglich wird diese wundersame Geldvermehrung mit dem Kauf einer Aktienanleihe der Bank Sal. Oppenheim.

Der im Mai dieses Jahres emittierte Bond bietet bis zur Fälligkeit im nächsten Jahr eine laufende Verzinsung von 34 Prozent und notiert mit einem Kurs von zurzeit 88,00 Prozent weit unter dem Nominalbetrag von 5 000 Euro. Inklusive Stückzinsen kommt der Kauf somit auf rund 4 800 Euro. Der Abschlag hat seinen Grund. Der Anleger muss damit rechnen, dass er im nächsten Frühjahr statt des Nominalbetrags 42 Evotec-Aktien erhält, wenn der Kurs der Aktien zu diesem Termin unter 119,05 Euro liegt - was angesichts der aktuellen Notierung von 87 Euro nicht gerade unwahrscheinlich ist.



Zweistellige Renditen sind möglich

Wenn der Anleger die Aktien allerdings dann sofort verkauft, erzielt er bei einem unveränderten Kurs einen Erlös von 3 654 Euro (42 Aktien x 87 Euro, ohne Spesen). Dazu kommt der Zinsertrag von 1 700 Euro. Macht insgesamt 5 354 Euro, was angesichts des ursprünglichen Kapitaleinsatzes zu einer zweistelligen Rendite führt. Seit dem starken Einbruch an den Aktienmärkten im Frühjahr notieren viele laufende Aktienanleihen unter ihrem Nominalwert, weil die betreffenden Aktien den Basiskurs unterschritten haben. So etwas ist ein Leckerbissen für hartgesottene Spekulanten, denn solche Bonds machen richtig Freude, weil sie, wenn die Kurse wieder anziehen, zunächst besser abschneiden als die Aktie selbst!

Beispiel Evotec-Anleihe: Angenommen der Evotec-Aktienkurs notiert bei Fälligkeit bei 100 Euro. Auch dann erhält der Gläubiger statt seines Geldes Aktien ausbezahlt. Der Erlös (42 x 100 Euro) bei einem sofortigen Verkauf hebt die Gesamtrendite aber auf knapp 24 Prozent. Erreichen die Anteilsscheine sogar den Basispreis, gibt es Bargeld zurück. Macht knapp 40 Prozent - weit mehr als sich im gleichen Zeitraum mit der Aktie verdienen ließ.

Bei Gewinnen verdient das Finanzamt mit

Ein Wermutstropfen: Das Finanzamt verdient mit, wenn die gewagte Spekulation wie im Beispiel mit Gewinn endet. Außerdem sind die anfallenden Zinsen in voller Höhe steuerpflichtig. Allerdings können die beim Kauf gezahlten Stückzinsen in der Steuererklärung als Abzug geltend gemacht werden. Auf der anderen Seite ist das Risiko hoch. Fällt die Evotec-Aktie unter 73 Euro, macht der Anleger Verlust - wenn er die Papiere sofort verkauft. Angesichts der heftigen Kursschwankungen am Neuen Markt ist diese Marke durchaus in erreichbarer Entfernung. Bisher ist offiziell nicht entschieden, ob ein Spekulationsgewinn oder-verlust entstehen kann, wenn eine Anleihe oder Aktienanleihe binnen zwölf Monaten vor der Einlösung erworben wurde und der Käufer sein Geld zurück erhält. In der Praxis wird zurzeit davon ausgegangen, dass Einlösung und vorzeitiger Verkauf zwei paar Schuhe sind. Danach wirken sich bei Einlösung weder Gewinn noch Verlust steuerlich aus. Dagegen ist beim Verkauf vor Einlösung die Differenz zum Kaufkurs als Spekulationsgewinn zu versteuern, wenn er innerhalb eines Jahres nach Erwerb erfolgt.

Anders ist die Situation, wenn der Aktienkurs bei Fälligkeit unter dem Basispreis notiert und der Anleger Aktien statt Geld zurückerhält. Wenn er mit Kursverlusten rechnet, wird er die Aktie noch am Ausübungstag verkaufen. Bei steigenden Kursen landen die Papiere wahrscheinlich für längere Zeit im Depot.

Die Frage ist: Ab wann läuft in diesem Fall die Spekulationsfrist? In einem Erlass des Bundesfinanzministeriums (BMF) soll dieser Punkt noch in diesem Jahr verbindlich geregelt werden. Inoffiziell ist dazu aber durchgesickert, dass die Spekulationsfrist ab dem Tag der Wandlung in Aktien neu beginnt. Ebenso inoffiziell: Verkauft der Anleger die Aktien binnen Jahresfrist, dann entsteht ein zu versteuernder Spekulationsgewinn oder ein steuermindernder Spekulationsverlust, wenn der Verkaufskurs der Aktie abzüglich Verkaufsspesen den Ausgabekurs der Anleihe einschließlich Kaufspesen übersteigt beziehungsweise unterschreitet. Maßgeblich für die Berechnung des steuerpflichtigen Spekulationsgewinns ist also der Ausgabekurs der Anleihe - der in den meisten Fällen zwischen 100 und 99 Prozent liegt. Das gleiche Verfahren soll gelten, wenn die Aktie am Ausübungstag verkauft wird.

Kauft der Anleger dagegen die Aktienanleihe auf dem Zweitmarkt, dann sind für die Berechnung des Spekulationsgewinns bzw. -verlusts die Anschaffungskosten (Bondkurs plus Kaufspesen) maßgeblich. Im Klartext: Gegenüber dem Finanzamt muss der Anleger bei Aktienanleihen eine ganz eigene Rechnung aufmachen. Er teilt den Kaufkurs (plus Spesen) durch die Zahl der Aktien, die er im Gegenzug unter Umständen erhält.

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