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24.03.2003

10:59 Uhr

Vielerorts nehmen weniger Menschen an weltweiten Demonstrationen teil

Front der Kriegsgegner beginnt zu bröckeln

An der Tür des Vorortzuges in Richtung Manhattan steht ein bewaffneter Polizist. Ihm gegenüber verschlingt ein Mann mit Baseballkappe geradezu die letzten Frontmeldungen der Boulevardzeitungen. Ein Stück weiter sitzen Caroline, Mellon und Shield. "Ich weine um mein Land", steht in großen Buchstaben auf den Plakaten der drei pensionierten Friedensfreunde.

tor/HB NEW YORK/DÜSSELDORF. In diesem Mikrokosmos versammelt sich die ganze Gefühlswelt Amerikas in diesen Tagen: Angst vor Terroranschlägen, Faszination für und Protest gegen den Krieg.

Wie überall auf der Welt gingen am Wochenende auch in den USA Hunderttausende von Menschen auf die Straße, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Mehr als 125 000 Menschen kamen am Samstag in New York zusammen, darunter auch Prominente wie der Schauspieler Roy Scheider und die Sängerin Patti Smith. Größere Kundgebungen gab es auch in San Francisco, wo die Polizei im Laufe der Woche bei Blockade-Aktionen mehr als 2 000 Kriegsgegner verhaftet hat, und in Chicago. Dort demonstrierten aber auch Kriegsbefürworter.

Auch in Europa gingen die Protestzüge weiter, allerdings beteiligten sich vielerorts nicht mehr so viele Teilnehmer wie in der Zeit vor dem Kriegsausbruch. In Spanien, das den Waffengang unterstützt, gingen nach Angaben der Veranstalter eine Million Menschen auf die Straße, in London zählte die Polizei 200 000. Im australischen Sydney versammelten sich gestern bis zu 50 000 Menschen zu einer Kundgebung in der Innenstadt. In Deutschland demonstrierten am Wochenende mehr als 150 000 Menschen gegen den Golfkrieg, 40 000 allein in Berlin. Auch in Köln, Stuttgart, Hamburg und Nürnberg nahmen jeweils mehr als 10 000 Menschen an Demonstrationen teil. Zudem zogen zehntausende Kurden anlässlich des kurdischen Neujahrsfestes durch Frankfurt/M, fast überall friedlich. Dagegen setzte die Polizei in Madrid Gummigeschosse ein, um die Demonstranten auseinander zu treiben. In Bern kamen nach Ausschreitungen Wasserwerfer und Tränengas zum Einsatz. Im Jemen starben am Freitag zwei Menschen beim Sturm auf die US-Botschaft und im Sudan tötete die Polizei am Samstag einen Demonstranten in Khartum.

Front der Kriegsgegner nicht mehr so stark

In zahlreichen Ländern beginnt die Front der Kriegsgegner offenbar zu bröckeln. In einer am Mittwoch und Donnerstag durchgeführten Umfrage sprachen sich nur noch 47 % der Australier gegen die Militäraktion aus, an der 2 000 Soldaten des eigenen Landes beteiligt sind. Am Wochenende zuvor lag die Ablehnungsquote noch bei 70 %. Auch 60 % der Briten unterstützen nach jüngsten Umfragen den Kriegskurs von Premier Tony Blair, nur 37 % sprachen sich dagegen aus. Damit kehrten sich die Mehrheitsverhältnisse seit Kriegsbeginn um.

Dagegen haben sich die per Internet koordinierten Protestaktionen in den USA, die am Tag nach dem Kriegsausbruch begannen, über das Wochenende verstärkt. Allerdings ist auch der Anteil der Kriegsbefürworter auf mehr als 70 % weiter gestiegen. Die größte Schwierigkeit der US-Friedensbewegung besteht deshalb darin, eine Gratwanderung zwischen der patriotischen Unterstützung der eigenen Truppen und der Ablehnung des Krieges zu vollziehen. "Wir unterstützen unsere Truppen, holt sie nach Hause" und "Friede ist patriotisch" waren deshalb zwei von vielen Spruchbändern dieser Art auf der Demonstration in Manhattan. Den Vietnam-Veteranen Bruce Capua überzeugt das nicht: "Die Proteste spalten das Land. Wir müssen jetzt Schulter an Schulter stehen."

Viele Friedensdemonstranten stören sich vor allem an der ihrer Meinung nach einseitige Kriegsberichterstattung im US-Fernsehen. "Die Sender überbieten sich in Patriotismus und zeigen nicht die grausame Wirklichkeit des Krieges", kritisiert ein Demonstrant in New York. "I am in shock and awe", steht auf seinem Plakat. "Angst und Schrecken" will die US-Luftwaffe mit ihren massiven Bombardements verbreiten.

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