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07.03.2003

08:00 Uhr

Virtual Reality erschließt neue Einsatzfelder

Virtuelle Warenpracht zum Anfassen

VonEdgar Lange (Handelsblatt)

Dreidimensionale Computeranwendungen erschließen immer mehr Bereiche des täglichen Lebens: 3-D-Einkaufswelten sollen Konsumenten zum Kaufen verleiten. Sogar im Fitness-Studio können Sportler in einer animierten Scheinwelt joggen. Und auch Messestände und Bühnenbilder lassen sich virtuell planen.

HB DÜSSELDORF. Thilo Neumann ist Workaholic. Schon lange plant er, sich ein neues Mountain-Bike zuzulegen, hat aber durch seinen Job dafür innerhalb der normalen Geschäftszeiten wenig Zeit. Spätabends besucht er deshalb den virtuellen Online-Shop Bikestore. In dem futuristisch designten Fahrradladen im Cyberspace assistiert ihm sofort ein virtueller Berater. Neumann lässt sich verschiedene Modelle zeigen. Mit dem Mauszeiger kann er das Fahrrad drehen und wenden, sogar in die Gangschaltung hineinzoomen und sich per Tastendruck die gewünschte Farbe aussuchen. Sein Wunschfahrrad ist sofort online sichtbar und vermittelt ein völlig neues Einkaufserlebnis, weil der Käufer virtuell in die Pedale treten oder die Gänge mit der Handschaltung einlegen kann.

So wie Bikestore präsentieren immer mehr Internet-Shops ihre Waren realitätsnah in 3-D- Online-Shops. Bei Neckermann kann man virtuelle 3-D-Anziehpuppen sogar schon Kleidung anprobieren lassen.

Fitness-Trip im Cyberspace

Inzwischen lässt sich mit einer neuen Generation von Fitnessgeräten auch im Cyberspace Sport treiben: Fahrradtrainer oder Stepper werden dazu mit Videobrillen und einem Rechner verbunden - und schon sieht sich der Sportler in der von ihm gewünschten Umgebung, etwa in einer animierten Berggegend. "In auswechselbaren Landschaften kann er sich frei bewegen", erläutert Henning Hinderer, Projektleiter am Fraunhofer für Arbeitswirtschaft und Organisation-Institut IAO, der solche virtuellen Sportgeräte entwickelt. "Ebenso kann der Athlet aber auch einen Rundkurs wählen oder auf der Laufbahn trainieren. Virtuelle Hindernisse erhöhen den Reiz beim ansonsten eher drögen Laufen." Der Clou dabei: Mehrere Sportler können sich via Internet sogar in den künstlichen Welten des IAO treffen. Mittels Kopfhörer verständigen sie sich, um in der Gruppe zu laufen oder Radwettkämpfe auszutragen.

Die Dateneingabe erfolgt über Sensoren, die an den Trainingsgeräten angebracht sind. Sie erfassen Laufgeschwindigkeit, Laufrichtung oder Tretfrequenz. Die ebenfalls am IAO entwickelte internetbasierte Plattform errechnet so die aktuelle Position in der virtuellen Landschaft, die der Sportler als Panoramabild sieht. Vermarktet wird die Cybersport-Ausrüstung bereits von der Matrixmove AG in Kiel. Vorteil der Fitnesswelt im Computer: Stürzt man beim Laufen versehentlich über eine "Klippe" in die nächste Szene, passieren keine gefährlichen Knochenbrüche, auch Muskelzerrungen sind in dieser Cyberwelt ausgeschlossen.

Digitale Dekoration

Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Planung von Bühnenbildern sowie Dekorationen für Theater und Fernsehen: Wände und Requisiten können in der virtuellen Welt leicht hin- und hergeschoben werden, bis Regisseur, Auftraggeber und Bühnenbildner mit dem Arrangement zufrieden sind. Erst wenn die fertige Kulisse realitätsnah im Computer steht, kann der Regisseur entscheiden, ob alles seinen Vorstellungen entspricht. So lassen sich spätere teure Umbauten ausschließen. "Wir arbeiten an interaktiven Eingabegeräten, mit denen sich Bühnenentwürfe schnell und einfach virtuell umsetzen lassen", sagt Bereichsleiter Herbert Rüsseler vom Fraunhofer für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik-Institut First in Berlin. Das Zusammenschalten von mehreren Projektoren erlaubt die Darstellung großer Bühnenbilder. Mit den digitalisierten Bewegungen der Schauspieler im Raum können virtuelle Theateraufführungen gestaltet und ganz neu erlebt werden.

Auch der Bau von Messeständen profitiert von der virtuellen 3-D-Technik. Immer noch bringen viele Designer ihre Entwürfe auf Papier. "Kaum ein Kunde will jedoch zugeben, dass er sich einen zweidimensional gezeichneten großen Stand nicht richtig vorstellen kann", so die Erfahrung von Peter Brüggemann, Geschäftsführer der Berliner Firma Ideea Messe- und Dekorationsbau GmbH. "Meist folgt das böse Erwachen erst beim Aufbau kurz vor Messebeginn."

Um Entwürfe dreidimensional präsentieren zu können, haben die Wissenschaftler vom First eine neue Technik entwickelt: "Mit dem Virtual-Reality-System X-Rooms lassen sich 3-D-Modelle erstellen, skalieren und auf eine oder mehrere verschieden große Leinwände projizieren", erläutert Rüsseler. Der Clou: Was bisher nur mit teuren Großrechnern möglich war, funktioniert nun mit einfachen PC. Die neue Technik ist auch für Designbüros erschwinglich. Dank einer speziellen Brille erlebt der Kunde den virtuellen Stand realitätsnah in 3-D und kann sich mit Hilfe eines Joysticks darin bewegen. Seine Änderungswünsche lassen sich so schnell einarbeiten. Viele Kunden hat die Technik bereits überzeugt. So äußerte sich kürzlich der Chefdesigner von Samsung beim ersten Besuch seines realen Messestands: "Ich bin keinesfalls überrascht - ich kenne ihn bereits, denn ich war ja quasi schon hier."

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