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07.02.2002

09:53 Uhr

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Volkswirte zum Duisenberg-Rücktritt

Zum Rücktritt von EZB-Präsident Wim Duisenberg an seinem 68. Geburtstag am 9. Juli 2003 reagierten Analysten in ersten Reaktionen unterschiedlich.

Reuters FRANKFURT. Volker Nitsch, Bankgesellschaft Berlin sagte: "Mich hat überrascht, dass der Rücktritt so langfristig angekündigt wird. Unter dem Strich ist der Schritt schade, weil Duisenberg damit nicht dem Geist des Maastrichter Vertrags entspricht. Er war für acht Jahre ernannt und ist jetzt ein Präsident auf Abruf. Er hatte zuletzt an Ansehen gewonnen, indem er sich dem "gentleman's agreement" mit den Franzosen widersetzt hatte. Die Ankündigung ist daher schade und enttäuschend. Es ist naheliegend, dass Duisenberg damit dem Druck der Franzosen nachgibt.

Duisenberg hatte am Anfang ziemliche Startschwierigkeiten, da er insbesondere bei der Kommunikation mit den Finanzmärkten die Erwartungen nicht erfüllt hatte. In letzter Zeit hat er aber einen Lernprozess durchgemacht. Daher ist es zusätzlich schade, dass er jetzt abtritt. Auf den Euro wird seine Entscheidung wenig Einfluss haben, da an seine Bezeichnung "Mr Euro" an den Märkten keiner geglaubt hat. Der fachlich beste Kandidat für die Nachfolge ist Trichet."

Michael Schuber von der Commerzbank meinte: "2003 war der Termin, den wir so erwartet hatten. Duisenberg will sich wohl nicht auf das Spiel Frankreichs einlassen, dass er zusammen mit Christian Noyer zurücktreten soll. Er will nicht wie eine Marionette aussehen. Das wichtigste in Duisenbergs Amtsführung sind letztendlich die Zinsentscheidungen, die er allerdings natürlich nicht alleine getroffen hat. Der größte Fehler war die starke Zinssenkung im April 1999, die im damaligen wirtschaftlichen Umfeld zu viel war. Selbst eine kleine Zinssenkung war damals nicht zwingend notwendig.

Als EZB-Präsident hat Duisenberg zudem sicher eine herausgehobene Stellung bei der Kommunikation. Dort hatte er Schwächen. Die Aussagen vor Zinsentscheidungen haben die Unsicherheit an den Märkten oft erhöht. Insgesamt war die Zinspolitik aber gut. Man kann der EZB weniger vorwerfen, dass sie beim Abschwung zu spät reagiert hat, wenn man sich die Prognosen von damals anschaut. Duisenberg wurde insgesamt jedoch zu viel von den Märkten angelastet. Er ist ein anderer Typ als zum Beispiel der ehemalige Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer. Duisenberg hat teilweise aber durch seine offene Art auch Hinweise gegeben, die dem Markt geholfen haben.

Die Bedeutung der EZB für den Euro wird überschätzt, eine Änderung an der Spitze der EZB wird sich daher nicht gravierend auf den Euro auswirken. Die Nachfolge ist weiter sehr schwierig. Mein erster Kandidat wäre tatsächlich Jean-Claude Trichet gewesen, der allerdings noch ein Verfahren anhängig hat. Sollte das Verfahren günstig für Trichet verlaufen, hätte er gute Chancen auf die Duisenberg-Nachfolge."

Jörg Krämer, Invesco Asset Management, Frankfurt, sagte: "Ich halte es für ungewöhnlich, diese Entscheidung mit einem Vorlauf von mehr als einem Jahr bekannt zu geben. Das nährt den Verdacht, dass Duisenberg sich dem Druck der Franzosen gebeugt hat, die auf einen Nachfolger aus ihrem Lande spekulieren. Duisenberg hat sich als EZB-Chef zweifellos für die gemeinsame Wäbhrung verdient gemacht. Allerdings hat mit den Finanzmärkten wenig überzeugend kommuniziert. Dies konnte der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer besser.

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