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15.02.2002

16:01 Uhr

Reuters FRANKFURT. Viele Verbraucher haben bei der Euro-Umstellung drastische Preisanstiege wahrgenommen, als sie für Gemüse und das Bier in der Stammkneipe deutlich tiefer in die Tasche greifen mussten. Umso erstaunlicher war daher, dass die Statistiker nur einen milden Inflationsanstieg für den ersten Euro-Monat meldeten.

Diesen scheinbaren Widerspruch erklären Experten einerseits mit Psychologie und andererseits mit Methodik. Die Statistiker ermitteln die Inflation mit Hilfe eines "Warenkorbs", der die Geldausgaben von "Otto Normalverbraucher" simuliert. Die "persönliche Inflation" eines jeden Bürgers kann jedoch deutlich von diesem statistischen Durchschnittshaushalt abweichen, weil die Einkäufe niemals genau dem hypothetischen Korb entsprechen.

"Das Problem mit dem Warenkorb ist, dass ihn nicht jeder ständig genauso in Anspruch nimmt, wie er zusammengesetzt ist", weist Forscher Wolfgang Nierhaus vom Münchener Ifo-Institut auf ein statistisches Grundproblem hin. "Nur der Durchschnitt wird abgebildet, natürlich hat jeder seinen eigenen Warenkorb und so seine individuelle Inflation." Schließlich kaufe nicht jeder Haushalt eine Waschmaschine im Monat, aber auch ihr einmaliger Kauf müsse statistisch erfasst werden. Im Warenkorb macht eine Waschmaschine etwas weniger als 0,3 % aus. An der Zusammensetzung des Warenkorbs haben sowohl Forscher als auch Verbraucherschützer kaum etwas auszusetzen, weil dieses statistische Grundproblem nicht zu überbrücken ist.

Rund 750 Güter und Dienstleistungen

Der Korb des Bundesamts für Statistik umfasst insgesamt rund 750 Güter und Dienstleistungen, die stellvertretend den gesamten Verbrauch und damit die Preisentwicklung repräsentieren sollen. Allein "Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe" machen mit knapp 27,5 % mehr als ein Viertel der Ausgaben dieses Durchschnittshaushaltes aus. Auf Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke entfallen dagegen nur etwas mehr als 13 %.

"Ich traue der amtlichen Statistik mehr als Gefühlen", sagt Konsumforscher Jochen Schmidt vom Berliner Institut DIW auf die Frage, ob der Warenkorb die Inflation zuverlässig misst. Dass viele Bürger im Januar wegen der Euro-Einführung eine deutlich höhere Inflationsrate wahrgenommen hatten, rühre daher, dass sie die Bedeutung von einzelnen Preiserhöhungen überschätzt hätten. Solche vereinzelten Beobachtungen dürften aber nicht hochgerechnet werden. Ifo-Experte Nierhaus findet in der Psychologie eine Erklärung für die teilweise sehr hohen Inflationserwartungen. "Es scheint sich hierbei um asymmetrische Wahrnehmung zu handeln. Nur das, was teurer wird, wird auch gesehen."

Der Einfluss der Euro-Umstellung auf die Inflation war den Berechnungen des Statistikamtes zufolge sehr gering - die neue Währung trieb die Preise nur um etwa 0,1 % in die Höhe, während Steuererhöhungen und der kalte Winter jeweils 0,4 % ausmachten. Am Freitag bestätigten die Statistiker für Januar eine Jahresinflationsrate von 2,1 % und einen Anstieg von Dezember auf Januar um 0,9 %. Über den Einfluss der Euro-Umstellung will das Amt Ende Februar genauer informieren.

Kosten für Miete und Energie

Viele Bürger hätten unterschätzt, dass die Kosten für Miete und Energie als wichtige Teile des Warenkorbs im Januar sogar gesunken seien, sagt Karin Kuchelmeister, Euro-Beauftragte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv). Auch Schmidt und Nierhaus verweisen auf die Mieten, die im Januar ein Gegengewicht etwa zur Teuerung bei Nahrungsmitteln gewesen seien. Dies ist nach einstimmiger Ansicht der Experten ein wichtiger Grund, warum die Euro-Umstellung nicht so stark zu Buche schlug.

Am Warenkorb ist nach Einschätzung der Experten höchstens zu kritisieren, dass seine Zusammensetzung schnell veraltet, da er nur alle fünf Jahre neu zusammengestellt wird. "Die Zusammensetzung des Warenkorbes kann nicht jährlich aktualisiert werden", erklärt Schmidt. Derzeit arbeitet das Statistische Bundesamt noch mit einem Warenkorb, der auf Befragungen von 1995 basiert. Neuere Produkte wie etwa DVD-Geräte werden daher zurzeit nicht berücksichtigt. Ab Februar kommenden Jahres wollen die Wiesbadener Statistiker die Inflation mit einen neuen Warenkorb auf der Grundlage von Befragungen im Jahre 2000 berechnen.

Egal, wie aktuell der Warenkorb auch sein mag - einige Bestandteile wirken für den Laien kurios. So finden sich zum Beispiel unter Position "0313031100" Herrenhandschuhe aus Leder. Diese machen 0,16 Promille des westdeutschen aber nur 0,15 Promille des ostdeutschen Warenkorbs aus.

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