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20.01.2002

19:00 Uhr

Vor allem Deutschland bietet dem Investmentbanking langfristig höhere Wachstumsraten als in die USA

Amerikanische Banken setzen auf Europa

VonGertrud Hussla

Die großen US-Investmentbanken müssen auch in Europa ihre Top-Teams verkleinern. Sie versuchen jedoch, ihre Position im Investmentbanking zu halten und in anderen Geschäftsbereichen zu expandieren. Deutschland gilt als Schlüsselmarkt. Immer stärker spüren die Amerikaner die europäische Konkurrenz.

NEW YORK. John Studzinski, für das internationale Geschäft zuständiger Vize-Vorsitzender bei Morgan Stanley, kann der Konjunktur-Flaute in Europa positive Aspekte abgewinnen: "Solche Phasen sind eine Chance, Marktanteile zu festigen und sich für den nächsten Aufschwung zu positionieren", sagt er. Die Investmentbanking-Truppe in Europa habe Morgan Stanley zwar um 5 bis 10 % reduziert. "Doch weiter gehen wir nicht, sonst fehlen uns Leute, wenn der Markt wieder besser wird."

Personalabbau nur in Maßen und Sparen bei den Boni - das scheint die Strategie der Wall-Street-Firmen in Europa zu sein. Goldman Sachs hat das Top-Team geringfügig reduziert, Merrill Lynch beschäftigt in Deutschland 20 Leute weniger, Lehman Brothers und Morgan Stanley expandieren außerhalb des Investmentbankings.

"Ich glaube immer noch sehr an Europa", sagt Bankanalyst Richard Strauss von Goldman Sachs, "doch als die vielen Mega-Fusionen im Telekom-Bereich stattfanden, sind die US-Firmen über ihr Ziel hinausgeschossen." Er schätzt, dass im klassischen Investmentbanking - ähnlich wie in den USA - etwa 9 % der Stellen abgebaut worden sind. Wer geblieben ist, spürt Einschnitte: "Nur noch die Spitzenkräfte verdienen so viel wie in den Jahren zuvor", sagt Wertpapieranalyst Henry McVey von Morgan Stanley.

Nach Daten des Finanz-Informations-Dienstes Thomson Financial ist allein das europäische Fusionsgeschäft (M&A) um 55 % auf 552 Mrd. $ eingebrochen. Ähnlich schwach lief das Aktien-Emissions-Geschäft. Lediglich bei der Emisssion von Anleihen hat es im vergangenen Jahr Zuwachs gegeben.

Doch es kann wieder aufwärts gehen. "Besonders der deutsche Markt hat ein riesiges Entwicklungs-Potenzial", glaubt Studzinski. Auch wenn sich das Land in einer Rezession befinde, seien die Wachstumschancen groß. "Deutsche Bilanzen sind beispielsweise immer noch sehr simpel - Vermögen und Schulden", meint er, "im anglo-amerikanischen Raum gibt es wesentlich raffiniertere Finanzierungsinstrumente." Die Ideen und das Fachwissen der US-Profis seien deshalb auch künftig gefragt. Auch die steuerliche Erleichterung von Firmen-Verkäufen und die Privatisierung der Altersvorsorge seien wichtig.

Schon heute tragen die Investmentbanking-Teams in Europa, die in der Regel aus 200 bis 500 Leuten bestehen, zu etwa 20 bis 35 % der Gesamt-Provisionen ihrer Häuser bei. Der Anteil könnte steigen. Um etwa 15 bis 20 % dürfte das Geschäft in Europa mittelfristig zunehmen, im gesättigten US-Markt liegen die Zuwachs-Raten dagegen nur noch bei 12 bis 13 %.

So will keines der großen US-Häuser jetzt den Rückzug antreten. Vielmehr weichen sie auf andere Geschäftsbereiche aus. "Der Personal-Zuwachs einiger Firmen kommt vorwiegend aus dem Wertpapier-Handel, einschließlich Derivate", erläutert McVey. Vor allem der Bondhandel sei sehr gut gelaufen, meint auch Personal-Manager Wolfgang Stern von Merrill Lynch. Sein Haus hat außerdem einen Schwerpunkt in der Vermögensberatung wohlhabender Kunden gesetzt. Morgan Stanley will ebenfalls ein Beratungsnetz für die Reichen aufbauen.

Zunehmend kämpfen die Amerikaner mit europäischer Konkurrenz. "Im Handel sind die europäischen Firmen unsere Hauptwettbewerber", sagt Studzinski. Europäische Banken haben außerdem stärkere Investmentbanking-Abteilungen aufgebaut. UBS-Warburg etwa hat sich einen weltweiten Spitzenplatz in der Betreuung von Fusionen erobert. Die Schweizer zeichneten für die 1,6 Mrd.-$-Fusion des australischen Minenkonzerns BHP mit dem britischen Konkurrenten Billiton verantwortlich. Die Deutsche Bank gilt als Aufsteiger im Deutschen Markt.

Ähnlich wie in den USA stellt sich auch in Europa die Frage, ob Investmentbanken von großen Geschäftsbanken wie der Citigroup überholt werden, weil sie große Firmenkunden nicht nur mit Fusions- und Emissions-Betreuung, sondern auch mit großzügigen Kreditlinien bedienen können. Goldman-Sachs-Analyst Strauss wiegelt jedoch ab: "Am Ende zählt immer noch, wie kreativ und professionell die Investmentbanker sind." Henry McVey ist vorsichtiger: "Kein Mensch kann vorhersehen, wer in 10 oder 15 Jahren dominieren wird."

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