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09.01.2003

09:17 Uhr

Vorbereitungen der Hilfsorganisationen laufen auf Hochtouren

Uno warnt vor einem humanitären Desaster

VonJan Dirk Herbermann (Handelsblatt)

Als sicher gilt bei der Uno das Wort von Ruud Lubbers: "Ein Krieg im Irak wird aus einer humanitären Perspektive ein Desaster." Die Befürchtung des Hochkommissar für Flüchtlinge: Mehrere zehntausend Menschen werden auf jeden Fall aus dem Kriegsgebiet flüchten - vielleicht aber auch Hunderttausende bis zu einer Million.

GENF. "Natürlich schauen wir auch auf die Zahlen vom letzten Konflikt im Irak", heißt es im Genfer Hauptquartier der UNHCR. Damals hatte der Exodus dramatische Züge angenommen. Insgesamt drei Millionen Menschen flüchteten vor dem Krieg - und der Rache Saddam Husseins. Mehrere Hundert - nach anderen Quellen mehrere Tausend - fliehende Kurden fanden in den schroffen Grenzregionen des Irak den Tod.

In der aktuellen Krise ordnete Uno-Generalsekretär Kofi Annan alle Agenturen der Weltorganisationen an, den Ernstfall vorzubereiten. Dabei wandeln die Helfer auf einem schmalen Grat. Denn wenn das Management zu offensichtlich wird, konterkarierte dies die offizielle Linie der Uno. Im New Yorker Hauptquartier setzt man weiter auf eine diplomatische Lösung des Konflikts. Vorbereitungen für den Kriegsfall stören dabei empfindlich. Deshalb hat Annan offiziell auch noch nicht bestimmt, welcher Agentur die Führung in einem möglichen Krieg zufallen soll. "Wir wissen nicht einmal, ob die Uno überhaupt eine Rolle spielen wird", sagt UNHCR-Sprecher Kris Janowski.

Bisher haben die Organisationen bei verschiedenen Ländern um 37,4 Mill. Dollar nachgesucht. Damit will man die ersten vier Wochen einer Krise meistern. Im Ernstfall dürfte der Bedarf rasant wachsen: Allein in Afghanistan schlugen die Kosten für Flüchtlinge seit dem Fall der Taliban mit rund 270 Mill. Dollar zu Buche. In diesem Jahr benötigt man nochmal 190 Mill. Dollar. Zurückgreifen kann das UNHCR auf ein Depot in Dänemark. Dort stapeln sich Hilfspakete für eine Viertelmillion Menschen. Mit der Minimalration an Decken, Tüchern und Küchenmaterial lässt sich nur die größte Not lindern. Immerhin würde die Luftbrücke von Skandinavien in die Krisenregion innerhalb weniger Tage stehen.

Während das UNHCR sein Personal in den Ländern um den Irak noch nicht aufgestockt hat, warten andere Institutionen schon vor Ort auf den Krieg. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz füllt seine Depots auf. Das Kinderhilfswerk Unicef will seine Schützlinge auch im Irak nicht im Stich lassen. Und das Welternährungsprogramm WFP kann, wie es heißt, sehr schnell reagieren. "In der Region gibt es ja Lebensmittel. Die Situation ist nicht so dramatisch wie in Afrika", bestätigt ein hochrangiger WFP-Mitarbeiter.

Der Kampf für die Opfer eines möglichen Kriegs wird für viele Helfer auch ein Kampf um die eigene Reputation. Denn seit der chaotisch angelaufenen Rettungsaktion im Kosovokrieg 1999 stehen die Agenturen unter erhöhtem Druck ihrer Geber. Damals reagierten das UNHCR und die andern Organisationen auf die massive Flüchtlingswelle zunächst fast ohnmächtig. "Mit dem Ausmaß und dem Tempo hatten wir nicht gerechnet", räumt UNHCR-Sprecher Kris Janowski ein. Mehrere Hunderttausend Kosovoalbaner hatten damals Schutz vor den serbischen Truppen gesucht - und waren im Niemandsland gestrandet. Aus dem eigenen Versagen habe das UNHCR gelernt, beteuert Janowski.

Doch die Helfer müssen sich auf eine feindliche Umgebung im gesamten Nahen Osten gefasst machen. Bei den Anrainerstaaten des Iraks sind potenzielle Kriegsopfer nicht willkommen. So machte der jordanische König Abdullah bereits klar, dass sein Staat kein "Gastland für Flüchtlinge" wäre. Der kuwaitische Außenminister Sabah al-Ahmad al-Sabah betonte unmissverständlich: "Wir werden nicht akzeptieren, dass irgendein irakischer Flüchtling nach Kuwait kommt." Und auch Saudi-Arabien, Syrien, der Iran und die Türkei lassen nur wenig Bereitschaft erkennen, Gestrandete aus dem Irak zu beherbergen.

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