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14.02.2002

00:31 Uhr

Vorstandschef Dormann erwartet weitere Konzentration auf dem Pharmamarkt

Aventis will aus eigener Kraft wachsen

VonBERT FRÖNDHOFF und SIEGFRIED HOFMANN

Der Pharmakonzern Aventis peilt keine weitere Großfusion an. Vorstandschef Jürgen Dormann ist überzeugt, dass die Spitzenprodukte des Unternehmens genug Potenzial haben, um die Position auf dem Pharmamarkt auszubauen. Er verspricht sich unter anderem von dem Allergie-Medikament Allegra viel.

HANDELSBLATT, 27.9.2001

DÜSSELDORF. Der Konzentrationsprozess in der internationalen Pharmaindustrie wird in den kommenden Jahren nach Ansicht von Aventis-Chef Jürgen Dormann weiter voranschreiten. Allerdings wolle Aventis daran vorerst nicht weiter aktiv teilnehmen, sagte Dormann im Gespräch mit dem Handelsblatt. Vorrangiges Ziel des deutsch-französischen Pharmakonzerns, der Ende 1999 aus der Fusion von Hoechst und Rhone-Poulenc entstand, sei vielmehr das interne Wachstum.

Dafür sieht Dormann auf Basis der bestehenden Produktpalette noch viel Spielraum. Mit weiteren Fusionen rechnet Dormann auf kurze Sicht vor allem auf dem stark zersplitterten japanischen Arzneimittelmarkt. Dort haben vor wenigen Tagen die beiden Unternehmen Taisho und Tanabe die Fusion zum drittgrößten japanischen Pharmahersteller angekündigt.

Aventis will dagegen die Position unter den führenden sechs Pharmaherstellern aus eigener Kraft weiter festigen. Mit einem Börsenwert von 58 Mrd. Euro gehört der deutsch- französische Konzern heute zu den fünfzehn am höchsten bewerteten Unternehmen in Europa. In Deutschland wird er nur noch von der Telekom übertroffen.

Die Zuversicht des Aventis-Managements stützt sich dabei auf existierende Produkte und mehrere Neuentwicklungen. Mit dem Allergiemedikament Allegra, dem Krebsmittel Taxotere und dem Thrombose- Präparat Lovenox verfügt Aventis über drei Blockbuster, das heißt Produkte mit jeweils mehr als einer Millarde Euro Jahresumsatz.

Sie haben laut Dormann damit ihren Zenit noch keineswegs erreicht. "Früher waren wir von einem Blockbuster weit entfernt. Jetzt sehe ich für einige unserer Produkte ein Potenzial von mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz." Er hat dabei unter anderem Allegra im Auge, das mit großen Erfolg in Japan eingeführt wurde. Im ersten Halbjahr steigerte das Produkt den Umsatz um 53 % auf 844 Mill. Euro, während gleichzeitig das gesamte Pharmageschäft des Konzerns um knapp 15 % auf 8,5 Mrd. Euro zulegte.

Hinter dem Erfolg steht unter anderem die Strategie, das Marketing, und damit auch die weltweit rund 18 000 Mitarbeiter starke Außendienstmannschaft, stärker auf "strategische" Produkte auszurichten. Die Konzentration auf bestimmte Krankheitsbereiche wird nach Ansicht Dormanns für die großen Pharmakonzerne künftig noch größere Bedeutung erlangen. Für Aventis gehört dazu neben Allergien, Herz- Kreislauf-Erkrankungen und Krebs auch Diabetes. Hier will sich der Konzern mit mehreren Neuentwicklungen verstärken.

Dass sich Pharmakonzerne wie Aventis auf längere Sicht komplett auf einzelne Krankheiten konzentrieren, glaubt Dormann jedoch nicht. Auch tritt er dem Eindruck entgegen, Aventis entwickele sich zu einem vor allem am Marketing orientierten Unternehmen. Beide Seiten, Vertrieb und Innovation, seien Kernelemente für Aventis.

Das Pharmageschäft biete für Aventis noch so viel Potenzial, dass man dem die ganze Aufmerksamkeit widmen wolle, begründet Dormann den Rückzug des Konzerns aus dem Agrogeschäft. Den Erlös aus dem bevorstehenden Verkauf der Tochter Aventis Cropscience an Bayer will der Straßburger Konzern zum Teil in weitere Partnerschaften mit Biotech-Unternehmen investieren. Die Produktivität der Pharmaforschung hofft Aventis in den kommenden Jahren um das zwei- bis dreifache zu steigern. Dazu soll unter anderem der Übergang von einer linearen auf eine Netzwerk-Struktur in der Forschung beitragen. Ziel ist es, verschiedene Schritte der Wirkstoffsuche nicht mehr nacheinander, sondern möglichst parallel zu bewältigen.

Dabei sieht Dormann weder Aventis noch andere Pharmakonzerne völlig gefeit gegen Risiken und Probleme, wie sie den Bayer-Konzern mit dem Rückzug seines Medikaments Lipobay ereilten. "Arzneimittel sind heute wesentlich wirksamer, aber zugleich ist die Möglichkeit von Nebenwirkungen höher. Das erfordert noch mehr Aufmerksamkeit bei allen Beteiligten." Dormann erwartet daher, dass die Zulassungsbehörden künftig stärker differenzieren und die klinischen Prüfungen noch größeren Aufwand erfordern. "Die gesamte Branche wird künftig vermehrt mit längeren Zulassungszeiten rechnen müssen."



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