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09.01.2002

19:00 Uhr

Vorstandsvorsitzende von Lucent

Patricia F. Russo: Im zweiten Anlauf an die Spitze

VonSusanne Wesch

Jetzt hat sie den Job doch bekommen: Patricia Fiorello Russo, 49, wird den 67-jährigen Interimschef Henry Schacht an der Spitze des US-Telekomausrüsters Lucent Technologies ablösen. Im August 2000 hatte die ehrgeizige Managerin den Konzern, der bis 1996 zum US-Telefonriesen AT&T gehörte, verlassen - nachdem sie fast 20 Jahre dort gearbeitet hatte.

Foto: Kodak

Foto: Kodak

HB DÜSSELDORF. Analysten haben lange darauf gewartet, dass Russo einmal im Chefsessel eines US-Konzerns Platz nimmt - neben der Hewlett-Packard-Chefin Carleton Fiorina galt sie als eine der Frauen in der US-Wirtschaft mit den besten Aussichten auf einen Topjob.

Gleichwohl: Die Reaktionen auf Russos Rückkehr zu Lucent waren gemischt. Analysten hatten auf einen externen Kandidaten gehofft, der den angeschlagenen Konzern kräftig umkrempelt. Immerhin hat Henry Schacht 15 Monate lang erfolglos einem geeigneten Nachfolger für sich gesucht. Russo sei stets einer seiner Wunschkandidaten gewesen, versichert er, weigert sich jedoch zu sagen, auf welchem Platz sie stand.

Russo wird Schachts Sanierungsprogramm für Lucent ohne große Änderungen weiterführen, das hat sie bereits angekündigt. Der Konzern ist inenrhalb eines Jahres fast um die Hälfte geschrumpft. Sie kennt sich in dem Geschäft bestens aus: Bei Lucent hatte sie zuletzt den Geschäftsbereich Großkunden betreut - Telekomriesen wie AT&T und Verizon -, mit großem Selbstbewusstsein und Verkaufstalent, sagen frühere Kollegen. Mit "stenger Liebe" habe sie die Sparte geführt, die mit 80 000 Mitarbeitern zwei Drittel des Umsatzes von Lucent erwirtschaftete. Trotzdem habe sie großes Geschick, die Leute zu motivieren und hinter sich zu bringen.

Die Erfahrung, die sie in diesem Bereich sammelte, sind sicher ein Grund dafür, dass Schacht sie zurückgeholt hat. Denn eben auf diese Geschäftskunden konzentriert sich der Konzern jetzt wieder. Sie sollen Lucent helfen, 2002 wieder Profite zu erwirtschaften.

Pat Russo hält ihr Talent fürs Verkaufen und ihre Fähigkeit, in der Gruppe zu arbeiten, für ihre größten Stärken. "Wer wie ich in einer Familie mit sieben Kindern aufgewachsen ist, lernt schnell, wie wichtig Teamwork ist", sagt sie lachend. Ganz zu schweigen von Organisation: "Kochen sie mal ganz allein für neun Leute - da muss jeder Handgriff sitzen." Als älteste Tochter habe sie zudem früh lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen. "Und meine behinderten Zwillingsbrüder haben mich gelehrt, die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen."

Fragen über Frauen in Männerberufen nerven die passionierte Golfspielerin. "Ich glaube wirklich, dass Ergebnisse zählen", sagt sie. Sich gegen das andere Geschlecht durchzusetzen hat, die schlanke Frau in ihrer Kindheit gelernt: beim Fußballspiel mit den Jungs aus der Nachbarschaft.

Dass sie sich von den Männern, die in ihrem Metier in der Überzahl sind, nicht unterbuttern lässt, hat sie bewiesen: Grund dafür, Lucent zu verlassen, waren wohl nicht zuletzt Differenzen mit dem damaligen Firmenchef Richard McGinn, unter dessen Führung sie kein Weiterkommen sah. So berichten Mitarbeiter, dass Russo im Sommer 2000 von ihm eine Revision der ihrer Meinung nach zu optimistischen Gewinnprognosen forderte. Dass sie kurz darauf bei der Umorganisation des Konzerns ihren Zuständigkeitsbereich verlor, hielten einige für eine Retourkutsche - Russo selbst bezweifelt das. Trotzdem verließ sie Lucent.

Mehr als ein halbes Jahr ließ sie sich anschließend Zeit, eine neue Stelle zu finden. Im April nahm Russo schließlich ein Angebot des Fotokonzerns Eastman Kodak an. Dort war sie für das operative Geschäft verantwortlich und galt als mögliche Nachfolgerin für Firmenchef Michael Carp. Der hatte gehofft, Russo werde den angeschlagenen Konzern fit machen für das anbrechende digitale Zeitalter, auf das Kodak nur unzureichend vorbereitet ist.

Doch bei Eastman Kodak hat sie es nur acht Monate ausgehalten. Ganze zwei Wochen hat Lucent-Chef Schacht gebraucht, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Russo bewundert den charismatischen Manager: Auf die Frage, wer sie inspiriere, nannte sie seinen Namen. Schacht hat die Sanierung des Konzerns auf den Weg gebracht - Russo wird nun weiter Kosten senken und die Löcher in der Produktpalette stopfen müssen.

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