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02.04.2003

07:48 Uhr

Wachsende Zahl von getöteten Zivilisten

Alliierte suchen Antwort auf Guerillakrieger

VonEWALD STEIN

Im Irak müssen die Alliierten auch gegen einen Feind kämpfen, der in ihrer Strategie bisher wohl nicht ausreichend berücksichtigt wurde: fanatisierte Terroristen, die zum Guerillakrieg entschlossen sind. Und je mehr zivile Opfer der Feldzug von Briten und Amerikanern fordert, desto mehr Rückhalt erhalten die Guerillakämpfer in der Bevölkerung.

DÜSSELDORF. Der Krieg im Irak zeigt jetzt seine ungeschminkte hässliche Fratze: In der Nacht zum Dienstag schossen amerikanische Soldaten bei einem Kontrollpunkt in der Nähe der zentralirakischen Stadt Nadschaf auf einen mit Zivilisten besetzten Kleinbus und töteten dabei zehn Menschen - nach Angaben eines Reporters der "Washington Post" fünf Frauen und fünf Kinder. Ursache der Katstrophe, sagte ein US-Militärsprecher: Die Soldaten hätten einen Selbstmordangriff befürchtet, nachdem auf Warnschüsse keine Reaktion erfolgt sei. Und prompt zitierte CNN einen Militärsprecher mit den Worten: Die Soldaten hätten sich "absolut richtig" verhalten.

Auch bei der Stadt Schatra im Süden des Iraks sollen laut CNN und BBC US- Marines ein Auto beschossen haben. Auch hier soll die Aufforderung zum Anhalten ignoriert worden sein. Der unbewaffnete Fahrer sei getötet, der Beifahrer verletzt worden.

Was offiziell als "Zwischenfälle" bezeichnet wird, demonstriert, wie nervös die im Zweistromland kämpfenden Soldaten der britisch-amerikanischen Allianz geworden sind - keineswegs zu Unrecht. Der Selbstmordanschlag am vergangenen Wochenende, der vier GI?s das Leben kostete, zeigt offenbar volle Wirkung.

Menschenrechtsorganisationen glauben, dass in dem mittlerweile knapp zwei Wochen anhaltenden Krieg rund 500 Zivilisten umgekommen sind. Und die Zahl wird zwangsläufig steigen. Immerhin meldet CNN unter Berufung auf das US-Verteidigungsministerium, dass in den vergangenen drei Tagen 3 000 Bomben auf den Irak abgeworfen sein sollen.

Für die Führung der Koalitionsstreitkräfte bedeutet die schon jetzt hohe Zahl getöteter Zivilisten nicht nur einen Imageverlust selbst bei befreundeten Ländern und einen wachsenden internationalen Druck. Was aktuell schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass sich als Folge des aufgeheizten Zorns der Bevölkerung parallel zum Kampf zwischen regulären Streitkräften ein so genannter asymmetrischer Krieg entwickelt - ein Krieg, der Gefahr läuft, letztlich durch Terror, durch ein immer mehr Auftrieb erhaltendes Chaospotenzial dominiert zu werden. Und dies wiederum hat zur Folge, dass immer mehr militärische Kräfte, die ursprünglich für eine geordnete Kriegsführung eingeplant waren, gebunden bzw. absorbiert werden. Denn mit Hochtechnologie-Waffen allein lässt sich eine meist aus dem Hinterhalt operierende Guerilla nicht bekämpfen. Dies wird in Israel, aber auch in Afghanistan anschaulich demonstriert.

Noch laufen Meldungen über Terroranschläge auf Truppenverbände der Alliierten im Irak eher zäh ein. Ob alle Berichte über Angriffe beispielsweise auf Nachschubkonvois der Wahrheit entsprechen, lässt sich kaum verifizieren. Aber jüngste Berichte, wonach inzwischen schätzungsweise 6 000 Exil- Iraker in ihre Heimat zurückgekehrt sind, um in diesem asymmetrischen Krieg zu kämpfen, können nicht ignoriert werden. Und zwar umso weniger, als die amerikanischen und britischen Streitkräfte offenbar befürchten müssen, dass sich auch Tausende Palästinenser, Jemeniten und Tschetschenen an diesem Kampf beteiligen wollen.

Dann könnte sich im Irak ein wesentlich anderes Szenario bieten, als die Strategen am grünen Tisch ursprünglich geplant hatten: Eine materiell haushoch überlegene und komplexe Streitmacht wird mit einem Gegner konfrontiert, der zwar überwiegend nur über primitive Mittel, dafür aber über eine - weil häufig religiös motiviert - außerordentlich hohe Einsatzmoral verfügt.

Zudem haben sie gegenüber ihrem Gegner mitentscheidende Vorteile: Sie bewegen sich meist auf bekanntem Terrain und können auf weitgehenden Schutz und Unterstützung durch die heimische Bevölkerung vertrauen. In deren Augen sind sie schließlich alles andere als Terroristen, sie gelten als Kämpfer gegen einen Aggressor.

Dies wird sich vor allem dann zeigen, wenn nach den anhaltenden Flächenbombardements in den größeren Städten des Landes, wie angenommen werden muss, der Häuserkampf eskaliert. Dann müssen die Alliierten eine neue und makabere Rechnung aufmachen: Sie haben bisher angenommen, dass in diesem Krieg die Gefahr, getötet zu werden, für einen irakischen Soldaten bis zu 500- mal größer ist als für einen amerikanischen. Dies könnte sich als grausame Fehlkalkulation erweisen.

Hinzu kommt, dass fanatisierte Selbstmordattentäter zu jedem Risiko bereit sind. Und völlig unbedeutend ist es aus ihrer Sicht auch, dass sie nach einer möglichen Gefangennahme nicht den Schutz der Genfer Konventionen in Anspruch nehmen können. Denn operieren sie, wie dies bei Terroristen die Regel ist, in Zivilkleidung, sind also vom Gegener nicht klar als Angehörige regulärer Streitkräfte zu erkennen, genießen sie keinen Kombattantenstatus.

Für den amerikanischen Präsidenten George W. Bush ist der Feldzug gegen den Irak nur eine weitere Etappe in dem von ihm nach dem 11. September propagierten Krieg gegen den internationalen Terror, der weitere folgen sollen. Nach Afghanistan könnte sich aber auch an Euphrat und Tigris zeigen, dass die Strategie, die für diesen Krieg neuer Art erforderlich ist, noch keinesfalls ausgefeilt ist.

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