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08.01.2002

19:00 Uhr

Wachstum mit Hindernissen – Aktie entwickelt Dynamik

RWE beklagt rot-grüne Energiepolitik

VonE.Schneider und H.-J. Schürmann

Die deutsche Energiepolitik macht der Essener RWE AG große Sorgen. Widersprüche wie der Ausstieg aus der CO-2-freien Kernenergie ohne eine wirkliche Alternative müssten mit Vernunft und Augenmaß aufgelöst werden, sagte RWE-Chef Dietmar Kuhnt im Gespräch mit dem Handelsblatt.

HB ESSEN. Gleichzeitig lobte er den von Bundeswirtschaftsminister Werner Müller Anfang Dezember vorgelegten Energiebericht, der von weiten Teilen der rot-grünen Koalition jedoch scharf kritisiert worden war. Man könne nur hoffen, dass mit dem Bericht mehr Realismus in die energie- und klimapolitische Diskussion komme. "Wir fühlen uns darin bestätigt, dass ein nationales Kohlendioxid-Minderungsziel von 40 % bis 2020 vor dem Hintergrund der jüngsten energiepolitischen Entscheidungen illusorisch ist", warnte Kuhnt die Bundesregierung und mahnte zugleich mehr Verlässlichkeit in energiepolitischen Grundsatzfragen an.

Die politischen Unwägbarkeiten stören den Essener Versorger erheblich; schließlich sieht er sich gleichzeitig auch in anderen Feldern bei der Umsetzung seiner "Multi-Utility"-Strategie (Strom, Gas, Wasser und Entsorgung) Widrigkeiten ausgesetzt. So stößt RWE beim Wachstum im Inland sehr schnell an kartellrechtliche Grenzen, während im Ausland Wettbewerber wie die französische EDF Vorteile aus ihrer geschützten heimischen Position ziehen.

Bei Strom, Wasser und Entsorgung sieht sich RWE als Marktführer in Deutschland, beim Gas als Nummer zwei. Die Kartellbehörden sind daher bei neuen Akquisitionen hier zu Lande wachsam. Lediglich kleinere Arrondierungen sind möglich. Laut Kuhnt trägt das Inland noch 60 % zum Umsatz von 63 Mrd. Euro bei - "bei praktisch stagnierender Nachfrage". Die Konsequenz: RWE hat die Internationalisierung viel entschlossener vorangetrieben, als es Kuhnt selbst noch vor einigen Jahren mit einem Anteil von 25 % vorgegeben hatte.

Den Durchbruch hat der Konzern mit mehreren großen Zukäufen auf den wichtigsten Zielmärkten Europa und Amerika geschafft. So kaufte RWE Thames Water in Großbritannien für 11 Mrd. Euro und American Water Works für 7 Mrd. Euro (jeweils einschließlich Verbindlichkeiten). Ein Coup und persönlicher Erfolg Kuhnts war dann im Dezember 2001 der Zuschlag für die tschechische Transgas für 4,1 Mrd Euro. Das Tüpfelchen aufs i markierte dann der Kauf des britischen Gasproduzenten Highland Energy.

Durch diese Zukäufe ist der Anteil des Stromgeschäfts am Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen auf 50 % gesunken; Gas und Wasser tragen nun 43 % bei. Die RWE, vor gar nicht langer Zeit ein reiner Stromversorger, ist inzwischen einer der führenden europäischen Gaskonzerne geworden.

"Wir sind dabei, eines der wettbewerbsfähigsten internationalen Multi-Utility-Unternehmen zu werden", freut sich Kuhnt. Die Märkte hätten diese klare Fokussierung honoriert. Der Konglomeratsabschlag - RWE hält noch die bedeutenden Finanzbeteiligungen am Baukonzern Hochtief und an der Heidelberger Druckmaschinen AG sei deutlich reduziert worden. Im Kurs der RWE-Aktie spiegelt sich die Einschätzung des RWE-Chefs wider. Das Papier, das lange als Aktie für Witwen und Waisen verspottet worden war, hat sich seit der Jahresmitte deutlich besser entwickelt als der Dax.

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