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02.06.2000

16:45 Uhr

Wachstumswerte

Gescheiterte Existenzen am Neuen Markt

Ausufernde Verluste, schlechter Umgang mit den Aktionären und Managementkrisen - meist entlarven sich die Flops am Neuen Markt schon bei der gründlichen Recherche

An Kummer sind die Aktionäre des Softwarehauses CPU gewöhnt. Erst düpierte CPU-Vorstand Jochen Furch die Anteilseigner im Herbst letzten Jahres mit einer Gewinnwarnung, die er zunächst vor Journalisten in den USA ausplauderte und erst danach als Ad-hoc-Meldung in die Heimat tickerte. Dann gab die Börse vor ein paar Wochen bekannt, dass das Unternehmen Mitte Juni aus dem Kreis der Nemax-50-Mitglieder fliegt. Und zu allem Überfluss rauscht der Hersteller von Finanzsoftware im laufenden Geschäftsjahr noch tiefer in die roten Zahlen. Im ersten Quartal 2000 lag der Konzernumsatz bei 2,15 Millionen Euro. Das Ergebnis nach Steuern betrug minus 5,07 Millionen Euro.

Noch vor vier oder fünf Jahren hätte jede Bank solch einen Kandidaten fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Doch damals gab es auch noch nicht den Neuen Markt. Jetzt zahlen die Anleger eben die Zeche. Die Frage ist, wie lange noch? Wirtschaftet CPU weiter so wie bisher, dann könnte dem Softwarehaus das Geld ausgehen.

Die Erfolgschancen, mit einer Kapitalerhöhung die Aktionäre zur Kasse zu bitten, um so den Fortbestand zu sichern, sind praktisch gleich null. Mit knapp 13 Euro notierte die Aktie am Mittwoch mehr als 50 Prozent unter dem ursprünglichen Emissionskurs von 26 Euro. An den Einstieg eines potenten Geldgebers im Rahmen einer neuen Finanzierungsrunde ist kaum zu denken. "Im Moment herrscht die Meinung bei den professionellen Risikofinanzierern vor, dass die meisten Investments erst mal gedeihen müssen", stellt Carsten Jansing, Analyst beim Brokerhaus Hornblower Fischer, fest.

Seit es an den Wachstumsbörsen kräftig abwärts geht, sind die Taschen der Risikokapitalgeber so gut wie zugenäht. Schließlich stellt der Kapitalmarkt die beste und vor allem schnellste Möglichkeit dar, um sich wieder von einer Beteiligung zu trennen - und den Liquidationserlös in andere Unternehmen neu zu investieren.

Der Mangel an frischem Kapital macht auch anderen Unternehmen am Neuen Markt zu schaffen - zum Beispiel Artnet.com. Das Unternehmen, das sich auf den Verkauf hochwertiger Kunst über das Internet und damit zusammenhängende Dienstleistungen spezialisiert hat, gilt unter Experten als potenzieller Absturzkandidat. Denn fundamental sieht die Lage düsterer aus als bei CPU. Die Zahlen im Geschäftsjahr 1999: Umsatz 2,6 Millionen US-Dollar, Verlust 10,7 Millionen Dollar. Zwischenzeitlich lag die Börsenkapitalisierung von Artnet bei fast 120 Millionen Euro. Aktuell ist sie auf ein Drittel gesunken. Bedenklich stimmt Analysten, dass an ein schnelles Erreichen der Gewinnschwelle in den nächsten Jahren nicht zu denken ist.

"Für den Kunstmarkt ist das Internet nicht das richtige Medium", sagt Hornblower-Analyst Jansing. "Wir haben deshalb bei Artnet ein Problem mit dem Geschäftsmodell. Es besitzt nicht genügend Wachstumspotenzial und ist nicht profitabel genug, um die geplanten Ziele zu erreichen." Folglich ist die Aktie für ihn ein "trading sell": Verkaufen. Gelingt es dem Management nicht, neue Geldgeber aufzutun, rechnet er damit, dass die liquiden Mittel Ende diesen Jahres oder im ersten Quartal 2001 zu Ende gehen. Dann gehen bei Artnet die Lichter aus.

Mit vielen Vorschusslorbeeren startete im Frühjahr vergangenen Jahres auch Fortunecity.com. Eine virtuelle Stadt im Internet, deren Einwohner miteinander chatten und Geschäfte machen - das ganze finanziert durch Werbung. Auf dem Papier schien diese Geschäftsidee zu funktionieren. Dass der Verlust des Unternehmens in etwa auf der Höhe des Umsatzes lag, störte damals noch niemanden. Nachdem das Minus im ersten Quartal 2000 auf 10,5 Millionen US-Dollar geklettert ist, wird der Wert von Anlegern und Analysten allerdings kritischer gesehen.

"Die Seitenbesuche steigen", beobachtet Michelle Lang vom Bankhaus Sal. Oppenheim. "Aber das kann das Unternehmen nicht in höhere Werbeumsätze ummünzen." Die Gelder, die das Management in Werbung und Marketing steckt, sind hoch. Fortunecity.com gilt deshalb als klassischer "cash-burner". Anfang des Jahres waren noch liquide Mittel in Höhe von 40 Millionen US-Dollar vorhanden. Zum Ende des Jahres wird es also eng. "Im Moment sieht es ziemlich schlecht aus, vor allem, wenn das Unternehmen seine Planzahlen auch weiterhin nicht schaffen sollte", stellt Lang fest. Bei ihr steht die Aktie auf der Verkaufsliste.

Fragt man Analysten nach möglichen Wackelkandidaten am Neuen Markt, fällt immer wieder der Name Cybernet. Der US-amerikanische Internetdienstleister mit Sitz in München hat in der Vergangenheit eine Reihe strategischer Fehler gemacht. Die Fokussierung war unklar. Es gab zu viele Geschäftsfelder, und das Unternehmen hatte seine Kosten nicht im Griff. Folge: Mit 51,5 Millionen US-Dollar war der Jahresfehlbetrag 1999 mehr als doppelt so hoch wie der Umsatz. Jetzt will Cybernet mit einem Strategie- und Personalwechsel das Ruder rumreißen. Die Arbeitsbereiche wurden reduziert, Personal abgebaut und die Ausgaben nach Einsparmöglichkeiten durchforstet. Erster Teilerfolg: Der Verlust wurde im ersten Quartal 2000 auf 3,6 Millionen Dollar gedrückt (anteiliger Vorjahreswert: 23,6 Millionen Dollar), der Umsatz stieg auf 7,1 Millionen Dollar.

Allerdings stöhnt das Unternehmen unter einer hohen Zinslast - unter anderem für einen Dollar-Bond, der nach Angaben von Vorstand Bernd Buchholz nach Fälligkeit 2002 umgeschuldet werden soll. Besichert ist die Anleihe unter anderem mit 92 Millionen Euro, die noch aus dem Börsengang stammen und auf einem Sperrkonto liegen.

Davon können die Aktionäre der Lobster Technology nur träumen. Der Wechsel vom Freiverkehr in den Neuen Markt brachte kurzfristig den Kurs auf Trab. Seit rund einem Jahr geht es aber stetig bergab. Das Papier des Softwareentwicklers und IT-Dienstleisters hat mittlerweile 80 Prozent seines Wertes verloren. Mit einem Mitte Februar vollzogenen Wechsel im Vorstand wollte die Verwaltung das Vertrauen der Anteilseigner zurückgewinnen. Doch der vor wenigen Tagen veröffentlichte Zwischenbericht verspricht wenig Gutes. "Die zunehmende Knappheit an liquiden Mitteln lässt kurzfristig kaum Investitionen zu", heißt es dort. Für Christoph Schlienkamp, Analyst beim Düsseldorfer Bankhaus Lampe, keine Überraschung: "Ich habe bereits vor Monaten vorhergesagt: Cybernet, Arnet und Lobster sind die Unternehmen, die als erste aus dem Markt ausscheiden."

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