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11.07.2000

15:51 Uhr

Während Letsbuyit.com an die Börse strauchelt, denkt die Branche um

Dot.coms gehen vorsichtiger mit Venture Capital um

In Zeiten nachlassender Begeisterung an den Börsen reduzieren Internet-Unternehmen das Wachstum. Sie reagieren damit auch auf die Forderung, in absehbarer Zeit in die Gewinnzone zu kommen. Nicht wenigen Analysten sind die Bewertungs-Korrekturen allerdings schon zu weit gegangen. Sie setzen darauf, dass das Interesse der Anleger wieder erwacht

jgo DÜSSELDORF. Das Beispiel könnte Schule machen: Ausgerechnet nach einer zweiten Kapitalrunde, die dem Münchner Online-Shop für Gesundheitsartikel Vitago 43,3 Mill. Euro eingebracht hatte, begann das paneuropäische E-Commerce-Unternehmen damit, das Wachstum zu drosseln. Fernsehwerbung wurde gestrichen, der Marketingetat entschlossen zurecht gestutzt.

Was vor wenigen Monaten noch sicheres Zeichen für einen Fehlstart gewesen wäre, markiert einen Wendepunkt der New Economy. Die Zeiten explosionsartigen Wachstums sind vorüber. "Die Expansionspläne der Dotcom-Unternehmen waren bislang sehr aggressiv", sagt Hendrik Brandis, Partner beim Venture Capital-Unternehmen Earlybird, das sich maßgeblich an Vitago beteiligt hat. "Nun haben wir eine Situation, in der die Kapitalmärkte das nicht mehr finanzieren. Viele Internet-Unternehmen müssen sich notgedrungen auf ein langsameres Wachstum einstellen". In dieser Situation gelte es, einen Kompromiss zu finden zwischen der bisher üblichen extremen Vorfinanzierung und moderaten Wachstumsraten.

Die Investoren schwanken von einem Extrem ins andere

Auch wenn derzeit viele Börsenpläne überdacht werden, weil die Investoren nicht mehr wahllos zeichnen, spielen die Kapitalmärkte noch immer die entscheidende Rolle in den Zukunftsplänen der Internetunternehmen. Viele hoffen, mit gedrosseltem Wachstumstempo und Geduld beim Erklären ihrer "story", den Wünschen der Anleger zu entsprechen.

"Die Investoren schwanken von einem Extrem ins andere; die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen", sagt Wolfgang Jensen, Managing Director beim Bankhaus Sal. Oppenheim, das ursprünglich Letsbuyit.com an die Börse führen wollte. Jensen rät dazu, nicht alle Unternehmen über einen Kamm zu scheren. "Letsbuyit.com ist kein Paradebeispiel, es steht nicht für ein Segment", sagt er und fügt hinzu: "Da würde man den anderen Unternehmen Unrecht tun. Jedes Unternehmen hat seine eigene Geschichte."

Allerdings verstört viele Anleger auch das Bemühen der Unternehmen, nach US-Vorbild möglichst transparent und umfassend zu informieren. So steht im Börsenprospekt des Co-Shopping-Anbieters der Satz."Es ist auch möglich, dass die Gesellschaft nie ein positives Betriebsergebnis erzielt."

Eine Bankrotterklärung? Branchenkenner halten Prospekte, die derartige Hinweise enthalte, für die normalste Sache der Welt. "Hier wird ein Sektor verdammt", meint ein Fondsmanager. Und weiter: "Letsbuyit.com ist in jedem Fall konsequent. Sie stehen auch in schlechten Zeiten zur ihrer Story".

Allerdings rechnen Branchenkenner nicht damit, dass viele Internet-Unternehmen sich ähnlich wagemutig wie der Powershopper verhalten werden. Langfristig aber rechnen sie damit, dass das Interesse der Anleger wieder neu erwacht.
Thomas Richter, Pressesprecher bei der Fondsgesellschaft DWS, hält die derzeitige Flaute für eine vorübergehende Stimmung an der Börse. Der Konsolidierungsprozess treffe einige zu Unrecht, meint er. Das sei wie bei Daimler-Chrysler. Der Autokonzern habe ein hervorragendes Management, exzellente Produkte und einen sehr unbefriedigenden Kursverlauf.

Welches Internetunternehmen einen Stern verdiene, wisse er indes auch nicht, da es, anders als in der Autobranche derzeit schlicht zu viele Unternehmen gebe.

Die DWS setzt nach seinen Worten derzeit auf Internet-Infrastruktur-Anbieter. "Die aussichtsreichsten Werte kaufen wir jetzt. Die günstigen Einstiegskurse nutzen wir natürlich." Im Oktober könnte es Richters Auffassung nach auch wieder mehr Börsengänge geben. Voraussetzung sei, dass die Zinsen niedrig blieben, meint er. Denn die Börsengänge korrelierten bislang noch immer mit den Verläufen der Indices.

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