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01.01.2005

16:21 Uhr

Wahre Absichten verschleiert?

Unklare Ziele: Recep Tayyip Erdogan

VonGerd Höhler

Die 71 Millionen Türken warten noch darauf, dass sich für sie die Tür nach Europa öffnet, aber ihr Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat bereits eine Ehrenkarte bekommen: Die belgische Wochenzeitung "European Voice" wählte ihn jetzt zum "Europäer des Jahres".

Manche Türken aber fragen sich, wie ernst es dem Premier wirklich mit Europa und den westlichen Werten ist. Vor allem die türkischen Militärs, traditionell Hüter der weltlichen Verfassungsordnung, begegnen Erdogan mit Argwohn. Denn dessen politische Heimat ist der islamische Fundamentalismus.

Ganz unten hat Erdogan angefangen, im Istanbuler Armenviertel Kasimpasa. Als Junge verkaufte er dort auf den Straßen Sesamkringel und Limonade. Sein frommer Vater schickte ihn auf ein Imam-Hatip-Gymnasium, eine Religionsschule - der Sprössling sollte Geistlicher werden. "Nachtigall des Korans" nannten ihn seine Mitschüler, weil er so schön aus dem heiligen Buch deklamieren konnte. Doch Tayyip hatte noch andere Talente. Er spielte gern und geschickt Fußball. Ein Angebot, als Profi für den Erstligisten Fenerbahce zu kicken, musste er allerdings auf Weisung des strengen Vaters ausschlagen.

Statt der Elf von Fenerbahce schloss sich der junge Erdogan der fundamentalistischen Wohlfahrtspartei des religiösen Eiferers Necmettin Erbakan an, als deren Kandidat er 1994 zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt wurde. Selbst seine politischen Gegner attestierten dem jungen Kommunalpolitiker Erfolge: Erdogan organisierte eine funktionierende Müllabfuhr, ließ das marode Wasserleitungsnetz reparieren und in der Stadt zahlreiche Grünflächen anlegen.

An andere "Errungenschaften" seiner Amtszeit lässt er sich heute weniger gern erinnern: an seine Versuche beispielsweise, Ballettaufführungen als "vulgär" zu verbieten, getrennte Schulbusse für Mädchen und Jungen einzuführen oder klassische Musik aus der kosmopolitischen Metropole Istanbul zu verbannen.

Bedenkliche Sätze kamen Erdogan in den 90er-Jahren über die Lippen: Die Demokratie sei "nicht das Ziel, sondern ein Mittel", dozierte er. "Wir werden uns erheben - wenn Allah es will, beginnt der große Aufstand", rief er seinen Anhängern zu. 1997 wurde Erdogan auf Betreiben der Militärs wegen religiöser Hetze angeklagt, verlor sein Bürgermeisteramt und bekam zwölf Monate Haft.

Heute gibt sich der 50-Jährige gemäßigt. Seine Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) vermeidet jedes offene Bekenntnis zum politischen Islam. Nicht "religiös" sei seine Partei, sondern "konservativ-demokratisch", erklärt Erdogan. Dem Fundamentalismus hat er angeblich abgeschworen, Europa lautet nun sein politisches Glaubensbekenntnis.

Aber ist das seine echte Überzeugung? Oder ist es "takkiye", wie gläubige Muslime die religiös gebotene Verschleierung ihrer wahren Absichten nennen? Skeptiker fürchten, Erdogan treibe die von der EU geforderten Reformen nur, um den Einfluss der Militärs in seinem Land zurückzudrängen und den Islamisten größere Freiräume zu erkämpfen. Das eigentliche Ziel, so argwöhnen die Gegner Erdogans, sei nicht der EU-Beitritt, sondern die Islamisierung der Türkei.

Der Premier selbst gibt keine klaren Auskünfte über seine Absichten. Die Nachtigall singt mit vielen Stimmen: Den Kurden erzählt Erdogan von den Menschenrechten, den Kemalisten vom großen Atatürk, den Nationalisten von der Glorie der Türkei, den Europäern in Brüssel von Europa und den Investmentbankern von Wirtschaftsreformen.

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