Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.06.2000

19:25 Uhr

Wall Street erwartet Ende der Zinserhöhungen – Kursrally an den Börsen

US-Konjunktur zeigt erstmals Zeichen der Abkühlung

Die US-Abeitsmarktdaten vom Mai geben ein deutliches Signal dafür, dass sich das Wachstum der Wirtschaft verlangsamt und die Zinsschritte der US-Notenbank Wirkung zeigen.

hus NEW YORK. Eine mit 4,1 % höhere Arbeitslosenquote als erwartet hat US-Ökonomen veranlasst, ihre Wachstumsprognosen für den Rest des Jahres nach unten zu korrigieren. Die meisten Wall Street-Analysten rechnen jetzt allenfalls noch mit einen oder zwei mäßigen Zinserhöhungen und sind zuversichtlich, dass Notenbankchef Alan Greenspan spätestens ab August keinen Anlass mehr zu weiteren Aktionen sieht. Die Aktienmärkte haben auf die neuen Daten mit einer breit angelegten Rally reagiert.

Nach den neuesten Arbeitsmarktzahlen sind in fast allen Sparten Arbeitsplätze verloren gegangen. Insgesamt zählte das US-Arbeitsministerium 116 000 weniger Stellen. Diese Zahl ist um die befristeten Arbeitsplätze bereinigt, die die US-Behörden für ihre Volkszählung eingerichtet haben. Es war der erste Stellenrückgang im privaten Sektor seit Januar 1996. Die Zahl der Stellensuchenden erhöhte sich von 9,9 Mill. im April auf 10,2 Mill. im Mai.

Neben den Arbeitsmarktdaten wurde auch der Rückgang der Industrie-Aufträge als Hinweis auf eine Abkühlung der US-Konjunktur gewertet. Die Bestellungen schrumpften im April um 4,3 %, der größte Rückgang seit 1990. In den Tagen zuvor war bereits eine ganze Reihe weiterer Konjunkturdaten schwächer ausgefallen als erwartet. Dazu gehörten Autokäufe, Eigenheim-Käufe, die Industrieproduktion und der Umfang der Bauinvestitionen.

Die neuen Arbeitsmarkt-Daten sorgten dennoch für Überraschung. Chefökonom Stephen Slifer von der Investmentbank Lehman Brothers kommentierte: "Wir mussten alle an die Tafel zurück und neu rechnen." Seine Abteilung hat ihre Wachstumsprognosen für die US-Wirtschaft im zweiten Quartal sofort von 6,3 % auf 4,7 % nach untern revidiert.

Analysten reduzieren ihre Wachstumsprognosen

"Es scheint, dass die Notenbank jetzt zu einem gewissen Grad Erfolg hat", glaubt Slifer. Für das gesamte Jahr erwartet Slifer ein Wachstum von 5,2 %. So wie Slifer haben viele Ökonomen ihre Schätzungen nach unten korrigiert. Die Wirtschaftsberatungs-Firma Macroeconomic Advisers in St. Louis etwa erwartet, dass das Wachstum im Gesamtjahr näher an 3 % als an den zuvor kalkulierten 4,5 % sein wird.

Die US-Notenbank hatte seit Mai vorigen Jahres die Zinsen in sechs Schritten um insgesamt 1,75 Basispunkte erhöht. In der Regel wirken sich solche Zinsschritte mit einer zeitlichen Verzögerung von einem Jahr auf die Konjunktur aus. Die Analysten der Wall Street erwarten jetzt weit mäßigere Aktionen der Notenbank als zuvor. Bisher hatte man generell noch mit einer Erhöhung von 50 bis 100 weiteren Basispunkten über das gesamte kommende Jahr kalkuliert. Doch jetzt glauben viele, dass spätestens nach der Offenmarkt-Ausschuss-Sitzung im August Schluss ist.

Die Aktienmärkte könnten sich nämlich mit einer erneuten euphorischen Reaktion selbst einen Strich durch die Rechnung machen. Bisher befanden sie sich auf Korrekturkurs weil ein Ende der Zinsrunden noch nicht absehbar war. Falls sich jetzt der Kursanstieg der vergangenen Woche fortsetzt, würde auf Grund der steigenden Aktienvermögen wieder der "Wohlstands-Effekt" zu sorgloserem Konsum und damit Inflationsgefahren führen.

"Wäre ich in den Schuhen eines Zentralbankers, dann wüsste ich heute noch nicht, ob der Job wirklich erledigt ist", sagt der unabhängige Wirtschaftsberater Gary Shilling. "Wir können aus den bis jetzt vorliegenden Daten keinen Schluss darüber ziehen, wieweit sich das US-Wirtschaftswachstum schon verlangsamt hat." Es bleibe noch offen, ob der Zentralbank mit ihrer Zinspolitik eine sogenannte "weiche Landung" gelingt. Bei einer weichen Landung würde das Wirtschaftswachstum auf ein realistischeres Maß zurückfallen, ohne dass es zu einer Rezession kommt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×