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24.01.2002

22:51 Uhr

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Wall Street nach Greenspan: Erst Euphorie, dann moderate Gewinne

VonWALL STREET CORRESPONDENTS

Notenbankchef Alan Greenspan klang am Donnerstagmittag in seiner Rede zur Lage der Wirtschaft optimistisch, und er gab der Wall Street Kraft. Gegen Mittag handelte der Dow mit einem Plus von bis zu 100 Punkten. Greenspan sieht "Zeichen einer Erholung", winkt aber noch nicht mit der grünen Flagge. Weshalb die Märkte am Nachmittag frühe euphorische Gewinne abgaben. Der Dow Jones Index schloss mit einem Plus von 65 Punkten oder 0,6 Prozent auf 9796 Punkten. Die Nasdaq legte 20 Zähler oder 1 Prozent zu und ging mit 1942 Punkten aus dem Handel.

US-Notenbankchef Alan Greenspan sagte, dass nach einer "erheblichen konjunkturellen Anpassung", sprich: Bodenbildung, "vieles darauf hindeutet, dass einige Indikatoren, die die Rezession verursacht haben, an Bedeutung verlieren". Im Gegensatz zu einer Rede am 11. Januar gelang es Greenspan heute (und so scheint es auch vor zwei Wochen geplant gewesen zu sein), den Schwerpunkt seiner Rede eher auf diese "Zeichen einer Erholung" zu lenken und nicht auf die "nach wie vor bestehenden Risiken". Diese verbarg er aber auch heute nicht, vielmehr warnte er davor, "dass der Markt eine schnellere Erholung erwartet als wir sie erleben werden." Allerdings geht man an der Wall Street nun davon aus, dass die Notenbank bei ihrem zweitägigen Meeting nächste Woche die Leitzinsen nicht erneut senken wird.

Für ein wenig Optimismus sorgte auch ein Blick auf den Arbeitsmarkt: Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung ist erneut um 15.000 gesunken, während die Analysten auf eine Steigerung um 15.000 getippt hatten. In der vergangenen Woche haben "nur noch" 376.000 Amerikaner ihren Job verloren. Die Arbeitslosenquote wird Ende nächster Woche bekannt gegeben.

Auch hagelte es am Donnerstag erneut Quartalszahlen. Positiv ist, was der Handyhersteller Nokia zu berichten hatte. Der finnische Handyhersteller meldete für die vergangenen drei Monate einen Gewinn von 21 Cent pro Aktie, die Analysten hatten mit einem Plus von 3 Cent pro Papier gerechnet. Nokia konnte seine Marktanteile in 2001 deutlich ausbauen und profitierte ein deutlich stärkeres Weihnachtsgeschäft als die Konkurrenz. Nokia legte 5 Prozent zu. US-Konkurrent Motorola, der am Vortag enttäuschende Zahlen gemeldet hatte, verlor leicht.

Der Business-Software-Hesteller Siebel Systems , den Analysten schon im Vorfeld der Quartalsmeldung zum Indikator für den Tech-Markt erkoren hatten, meldet einen Quartalsgewinn von 65,9 Millionen Dollar oder 13 Cent pro Aktie. Das entspricht zwar einem Gewinnrückgang um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, doch schlägt man die Erwartungen der Wall Street deutlich um vier Cent. Für 2002 erwartet das Unternehmen deutliches Wachstum in Umsatz und Gewinn und Tom Siebel, der als einer der nüchternsten Beobachter unter den CEOs im Silicon Valley gilt, sagt: "2001 war ein schweres Jahr, aber 2001 ist Vergangenheit." Die Aktie legte 6 Prozent zu.

Überhaupt bekam der Software-Sektor Auftrieb aus allen Ecken. Die Analysten der Lehman Brothers prognostizieren steigende Nachfrage vor allem aus dem IT-Bereich und verhelfen der Branche zu einem Tagesplus von 3 Prozent. Um 5 Prozent verbesserte sich die Aktie von Rational Software , da diese künftig im S&P 500 Index geführt wird. Research in Motion , ein Hersteller von Kommunikationssoftware, legt 11 Prozent zu, nachdem das Unternehmen eine Kooperation mit VoiceStream und Motorola ankündigt, aus der eine neue Generation von Handys hervorgehen soll.

EMC , der weltgrößte Hersteller von Speichersystemen verkündete am Morgen zwar einen Verlust, aber einen kleineren als Analysten prognostiziert hatten. Der Preiskampf mit IBM lässt das Unternehmen offenbar kalt. Das freut Analysten und Anleger: Robert Baird gab dem Titel ein Upgrade auf "Market Outperformer", und die Aktie legte 15 Prozent zu.

McDonald?s meldet den vierten Gewinneinbruch in Folge. Auf das Ergebnis der Fastfoodkette drückte nicht nur eine teure Umstrukturierung, sondern vor allem das schwache Geschäft in Südamerika. Analysten sind enttäuscht. "Wir hatten mit einer stärkeren Erholung in Europa gerechnet und mit einem wetter-bedingt höheren Dezember-Umsatz in den USA", meint Mark Kalinowski, Restaurant Analyst von Salomon Smith Barney. McDonald?s verlor 3,5 Prozent.

Ganz schlecht sieht es bei Eastman Kodak aus - trotzdem legte die Aktie 6,5 Prozent zu. Im vierten Quartal hat das Unternehmen die Erwartungen der Analysten zwar geschlagen, doch senkt man die Aussichten für das erste Halbjahr 2002. Im laufenden ersten Quartal werde man wohl nur ein Anteilsplus von 5 bis 15 Cent statt der bisher erwarteten 26 Cent erwirtschaften. Und für das zweite Quartal rechnet man statt der bisherigen 80 Cent mit einem Gewinn zwischen 60 und 70 Cent pro Papier.

Stolze drei Prozent gewann die Bayer -Aktie, die am Donnerstag zum ersten Mal an der New York Stock Exchange gehandelt wird. Allerdings wurde das Listing von einer Demonstration überschattet. Verbraucherschützer um Robert Kennedy Jr. wollen Bayer davon abbringen, das Futtermittel Baytril weiterhin in der Geflügelzucht zu verwenden. Der Grund: Baytril enthält das Antibiotikum Cipro, das jüngst als einziges wirksames Medikament gegen Anthrax (Milzbrand) Schlagzeilen machte. Die Verbraucherschützer fürchten, zuviel Cipro könnte in die Nahrungskette gelangen und Menschen immun machen. Die Gesundheitsbehörde FDA hatte auf diese Gefahr bereits vor eineinhalb Jahren hingewiesen und Bayer empfohlen, das Mittel vom Markt zu nehmen. Bayer-Konkurrent Abbott Laboratories hatte der FDA-Empfehlung Folge geleistet und ein ähnliches Präparat zurückgerufen.

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