Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.02.2002

22:33 Uhr

Handelsblatt

Wall Street: Unsicherheit zwischen Champagner und Bier

VonWALL STREET CORRESPONDENTS

Die US-Märkte schlossen am Dienstag mit leichten Verlusten. An einem ruhigen Handelstag gab der Dow Jones 21 Punkte oder 0,2 Prozent auf 9863 Punkte ab. Die Nasdaq schloss 12 Punkte oder 0,6 Prozent leichter und ging auf einem Sand von 1834 Zählern aus dem Handel.

Damit setzen die beiden großen Indizes ein klares Zeichen. Nach fünf Tagen teilweise dramatischer Verluste und einem kurzen Run in den beiden letzten Sitzungen, versucht der Markt eine Bodenbildung. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass langfristiger Optimismus im Markt ist, der die zu euphorische Hoffnung auf ein rasches Ende der Rezession und eine schnelle und starke Erholung der Konjunktur ersetzt. Vielmehr rechnen Anleger mit einem sachten aber nachhaltigen Aufschwung. Entsprechend gehören zu den wenigen Dow-Gewinnern die Industriewerte Caterpillar, Honeywell, 3M und Eastman Kodak . Schon am Montag hatten mit Alcoa, DuPont, International Paper und United Technologies vor allem zyklischen Werte zugelegt, also die Aktien der Unternehmen, die von einem nachhaltigen konjunkturellen Umschwung profitieren.

Verschont bleiben diese Aktien zunächst von einem Rückfall in die Enron-itis, der am Morgen befürchtet worden war, nachdem der Telekomausrüster Nortel seinen Finanzchef Terry Hungle gefeuert hat. Der hatte mit Investitionen in die Pensionsrücklagen gegen Firmenbestimmungen verstoßen. Offensichtlich hat Hungle 78.500 Dollar von einem Aktienfond in einen Rentenfond verschoben, kurz bevor Nortel eine Gewinnwarnung ausgesprochen hat. Dass Nortel das Verhalten Hungles als Fehlleistung einer Person rechtfertigt und das Unternehmen unschuldig sieht, hilft der Aktie im Dienstagshandel ebenso wenig wie die Ankündigung, man werde noch in diesem Jahr in die Gewinnzone vorzustoßen: Das Papier verliert 7 Prozent. Mit Nortel verlieren die Branchenkollegen Lucent und JDS Uniphase jeweils 4,4 Prozent, Ciena 3,8 Prozent sowie Corning 2,7 Prozent.

Auf den Telekomsektor drücken indes nicht nur die Nachrichten vor Nortel. Die UBS Warburg hat sich der Branche angenommen und sieht bei den meisten Unternehmen die Kapitalinvestitionen in 2002 auf einem weiter niedrigen Niveau. Vor allem im Funk-Bereich dürften die Ausgaben für neue Geräte und Infrastruktur um 26 bis 35 Prozent zurückgehen. Dabei rechnen die Analysten vor allem in den nächsten Wochen mit Abstrichen, für die zweite Jahreshälfte erwarten sie eine leichte Verbesserung.

Mit einer größeren Akquisition macht Dow-Gigant General Electric am Morgen von sich reden: Das Industrie-Konglomerat will für 1,8 Milliarden Dollar die Wasserschutz-Sparte BetzDearborn von Hercules kaufen. Der Deal soll, das Einverständnis der Kartellbehörden vorausgesetzt, im Frühjahr über die Bühne gehen. Das Unternehmen, das vor allem Industrieabwässer chemisch reinigt, soll GE einen neuen Markt öffnen und den Jahresumsatz um 1 Milliarde Dollar erhöhen. Hercules hatte sich seinerzeit mit der Übernahme von BetzDearborn übernommen. Während Hercules um 4,5 Prozent zulegt, gibt die Aktie von General Electric 1,2 Prozent ab.

Mit einem Plus von 7,7 Prozent steht die Videokette Blockbuster auf der Gewinnerseite. Das Unternehmen hat den Gewinn im vierten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 67 Prozent gesteigert und die Gewinnerwartungen mit 35 Cent pro Aktie um sieben Cent übertroffen. Vor allem das Geschäft mit DVDs hat Blockbuster ein Rekordergebnis beschert. Für 2003 sind die Prognosen optimistisch. Mindestens 300 neue Filialen sollen eröffnet, der Gewinn um 15 Prozent gesteigert werden.

Ebenfalls stark präsentieren sich die Versicherer, die am Dienstag die übrigen Finanzwerte in den Schatten stellen. Der größte Lebensversicherer in den USA, Met Life, hat im vierten Quartal durch Stellenstreichungen zwar 296 Millionen Dollar verloren, mit neuen Hausrats- und Autoversicherungen die Ertragslage aber stabilisiert. Das Management weist einen Gewinn von 59 Cents pro Aktie aus, 1 Penny über dem Wall Street Konsens. Der zweitgrößte Versicherungsmakler, Aon , hat die Prognosen ebenfalls geschlagen. Nach Abzug von Sonderbelastungen, etwa durch die Terroranschläge vom 11. September, steht dem Unternehmen einen Gewinn in Höhe von 33 Cents pro Aktie zu Buche, 2 Cent mehr als der Markt erwartet hatte. Die Aktien von MetLife und Aon legen jeweils mehr um 2,8 Prozent zu.

Bei den Tech-Werten sieht man hingegen in fast allen Sektoren rot. Die Big Caps notieren mit 1 bis 3 Prozent im Minus. David Bowers, Tech-Analyst bei Merrill Lynch findet die Aktien vor allem der Chip-Branche aber auch der übrigen Sektoren im internationalen Vergleich zu teuer. Die pessimistischen Aussichten mancher Tech-CEOs teilt er, den optimistischen Gewinnschätzungen anderer misstraut er. "Es riecht nach Champagner, aber es gibt Bier", umschreibt er die Stimmung vor allem an der Nasdaq.

Offensichtlich ist er mit seinem Pessimismus nicht alleine: Die Aktie von Applied Materials verlor 1,1 Prozent, bevor das Unternehmen Quartalszahlen vorlegte. Zwar hat der Chip-Zulieferer mit einem Gewinn von 2 Cent pro Papier die Erwartungen übertroffen, doch rechnet das Management mit "weiteren Herausforderungen in der nahen Zukunft". Dies würde wohl auch für die Branchenkollegen gelten, die sich am Dienstag aber noch einmal aus der Verlustzone lösen konnten. KLA-Tencor und Teradyne schlossen mit leichtem Plus.

Ärger gibt es unterdessen in der Pharmabranche: ImClone weigert sich, auf die Forderungen von Bristol-Myers Squibb einzugehen. Der Branchenriese aus New York hatte den kleineren Partner in den letzten Tagen wiederholt aufgefordert, größere Gewinnanteile des gemeinsam entwickelten und vermarkteten Krebsmedikaments Erbitux zu übertragen. Vorausgegangen ist eine Abfuhr der Arzneimittelmehörde FDA, die vor einer Marktzulassung neue Tests und Verbesserungen an Erbitux verlangt. Bei ImClone gibt man sich locker. Das Management weist die Forderungen des Partners zurück, sagt aber, man freue sich weiter auf eine Zusammenarbeit mit Bristol-Myers unter den bisher verhandelten und gültigen Bedingungen. Die Aktie von ImClone gewann 5,7 Prozent, Bristol-Myers Squibb schloss schwach behauptet.

Nicht direkt belastete die Angst vor weiteren terroristischen Anschlägen den Markt, doch entsprechende Warnungen des FBI drücken auf die Stimmung. Der Bundespolizei liegen angeblich Hinweise auf Anschläge am Dienstag vor, am Morgen ist es bereits zu einem ersten Zwischenfall gekommen. Der New Yorker Busbahnhof Port Authority, über den Hunderttausende Pendler in die Stadt kommen, wurde zeitweise komplett geschlossen, nachdem ein verdächtiges Paket gefunden worden war.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×