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14.01.2003

08:44 Uhr

Warum der Oracle-Chef den America’s Cup nicht gewinnen wird

Larrys Kreise

VonIngo Petz (Handelsblatt)

Der Herausforderer für das America?s-Cup-Finale scheint gefunden: Die Schweizer "Alinghi" führt vor Auckland mit 2:0 gegen die "Oracle BMW Racing". Auch deshalb, weil Geldgeber Bertarelli an Bord Teamwork vorlebt - im Gegensatz zum selbstherrlichen Oracle-Chef Ellison.

AUCKLAND. Der Eindruck täuscht. 40 Sekunden war "Alinghi" vor "Oracle BMW Racing" im Ziel. So sagt es das Protokoll. Im zweiten Finallauf um den Louis-Vuitton-Cup - dort, wo das Team gesucht wird, dass gegen die Neuseeländer um den America?s Cup fahren darf. Knapp. Knapper kann es kaum zugehen im Segelsport. Wo es doch um Wasserzentimeter geht, für die die Teilnehmer Millionen investieren. "Es ist noch alles offen", würde Heribert Faßbender beim Fußball sagen. Und Johannes B. Kerner würde vermutlich versichern: "Bleiben Sie dran, da geht noch was."

Wer aber den Schweizer Herausforderer kennt, weiß, es ist ein Spiel. Denn offen war nichts. Wie die Katze die Maus jagt. Sie schlägt und fordert, sie lässt die Maus herankommen, sie gibt ihr Hoffnung und lässt sie dann sterben. Alinghi ist schnell - schneller als die schwarze Oracle-Maus. Das weiß das Team. 5:1 hieß die Duell-Statistik vor dem Finale. Und ähnlich deutlich verlief das gestrige zweite Rennen in der Finalserie des Luis-Vuitton-Cups. Kommen lassen, kommen lassen. Und dann doch locker gewinnen. Im Stile eines Favoriten.

Der deutsche Held dieses einseitigen Spiels um die berühmteste Segeltrophäe der Welt ist Jochen Schümann. Sportdirektor, Stratege und Ersatz-Steuermann der Schweizer Kampagne. Dreimaliger Olympia-Sieger. Mehrfacher Weltmeister und Europameister. Der gebürtige Berliner ist der erfolgreichste Segler, der jemals für Deutschland durch die Wellen der sieben Weltmeere geschippert ist. Zwischen den neuseeländischen Nationalhelden Russell Coutts und Brad Butterworth gibt Schümann Empfehlungen auf dem Boot. Wo ist der beste Wind? Wo der beste Kurs für den 25 Meter langen Carbon-Flitzer, dessen Entwicklung 30 Millionen US-Dollar gekostet hat?

Wenn Hunderte von Menschen auf unzähligen Booten den Segel-Gladiatoren zujubeln, Möwen und Helikopter kreisen und die gleißende Sonne wie ein Scheinwerferlicht wirkt, dann ist Schümann der Star eines hochgezüchteten Spektakels. Derjenige, der seine Detailarbeit pflegt. Unscheinbar und leise, aber effektiv.

Es geht ums High-Tech-Segeln. Zehn Stunden, Tag für Tag. Seit dem November 2001, als Schümann mit der Alinghi in Auckland gelandet ist. "Ein Fehler im Uhrwerk und es ist alles vorbei", weiß der Profisegler. Er sei vor allem wegen seiner deutschen Tugenden eingestellt worden, sagt er. An Land stellt der 48-Jährige die Mannschaft auf. So wie Rudi Völler beim Fußball.

Ernesto Bertarelli, der 36-jährige Chef des Biotech-Unternehmens Serono, ist Geldgeber der Alinghi-Kampagne. Der Multi-Milliardär mit Harvard-Abschluss kennt sich aus mit Menschen. Seit 1996 ist er CEO des traditionsreichen Familienunternehmens. Der Milliardär, der gemeinsam mit seiner Schwester nach dem Tod des Vaters die Expansion der Firma vorantrieb, ist zurückhaltend. Ein Teamarbeiter, der weiß, dass sich Menschen wohl fühlen müssen, wenn sie das Optimale leisten sollen. "Ich genieße die Arbeit mit den anderen", sagt er gern und oft. Er selbst ist Navigator auf dem Boot, und er weiß, dass er nicht der Star ist: "Ich kann noch viel lernen." Schümann sieht das ganz ähnlich und lobt zugleich: "Er weiß seine Fähigkeiten einzuschätzen. Und mit denen macht er einen großartigen Job."

Die Persönlichkeit der Segler und des Teams waren ohnehin ein wichtiges Auswahlkriterium bei der personellen Auswahl. Nicht nur die Titel und nicht nur die Herkunft spielten eine Rolle. Denn ein America?s-Cup-Team ist irgendwie wie ein Eisberg. 16 Segler sichtbar - über Wasser. Ein Team von 90 Wissenschaftlern, Technikern, Bootsbauern unsichtbar hinter den Kulissen. Bricht der Grund, kippt die Spitze.

Es geht um die vollendete Harmonie. Schümann ist der Kommunikator dieses Rezeptes. "Sprechen, sprechen, sprechen", sagt er. Zwischen Segeln und Pasta und Segeln und Kaffee. "Immer wieder Diskussionen. Bis das Vertrauen die Lösung bringt."

Alinghi hat die Eidgenossenschaft aufs Wasser geholt. So scheint es. Und so läuft es. Die Schweiz könnte den America?s Cup erstmals seit 151 Jahren wieder nach Europa holen. Gerade die Schweiz. Wenn denn Neuseeland auch im Showdown geschlagen werden kann.

2:0 heißt es zunächst einmal nach zwei Rennen im Herausforderer-Finale. Bis zum nötigen fünften Erfolg beim Modus "Best of Nine" dauert es wohl nicht mehr lange, schon am kommenden Wochenende könnte die Entscheidung gefallen sein. Da helfen dem Gegner "Oracle BMW Racing" auch kein Larry Ellison und keine bayerischen Autos. Der egomanische US-Software-Tycoon hat seinem 100-Millionen-US-Dollar-Team seine ureigene wirtschaftliche Handschrift verpasst. Keine Kompromisse. Sieg um jeden Preis. Purer Zentralismus, wenn man so will.

Viele halten den Haudrauf-Stil von Ellison für den Anfang vom Ende im America?s Cup. 23 Milliarden US-Dollar hat der bärtige Dandy auf dem Konto. Die alte Silberkanne, den America? Cup, die mal 100 Pfund gekostet hat, wird er sich wohl dennoch nicht leisten können. Erfolg ist im Segelsport dummerweise nicht im Vorbeigehen zu erkaufen.

Dabei hatte sich Ellison das Ganze so einfach vorgestellt. Als der 58-Jährige zum ersten Mal nach Auckland kam und die schicken Yachten sah, befand der Amerikaner: "Das ist doch eine billige Geschichte. Warum machen eigentlich nicht mehr Leute mit?" In Larrys Kreisen sind 100 Millionen eben nichts Besonderes. Während er das Abenteuer vor Auckland mit BMW-Hilfe, aber dennoch weitgehend aus eigener Tasche bezahlt, sind bei Alinghi rund 80 Prozent der Kosten fremdfinanziert.

Überhaupt präsentiert der Oracle-Chef gerne seinen Reichtum, und ebenso gern hält er das Ruder höchstselbst in der Hand. Er entscheidet - auch wenn es andere gibt, die von Materie und Material mehr verstehen. Das musste auch Steuermann Peter Holmberg erkennen. Als der in der Vorrunde zu oft verlor, wurde er kurzerhand durch Chris Dickson ersetzt.

Der war zuvor seinerseits geschasst worden, weil er es gewagt hatte, seinen Vorgesetzten Ellison von der Yacht zu verweisen. Was beweist, dass es offenbar an der nötigen Harmonie mangelt. Jene Harmonie, mit der man Wellen und Winde zähmt.

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