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27.01.2005

17:43 Uhr

Warum die Globophoben dieser Welt sich die Reise nach Davos sparen können

Ade, Attac

VonJosef Joffe
Quelle:Zeit Online

Am Mittwoch, dem ersten Tag des Weltwirtschaftsforums, durften die Teilnehmer - die üblichen Verdächtigen aus Politik, Wirtschaft und Medien - zum ersten Mal an einem Town Hall Meeting teilnehmen. Das ist eine Mischung aus Digital- und Direkt-Demokratie, wo Hunderte Teilnehmer per Knopfdruck die brennenden Themen bestimmen konnten.

Globophobe, ruft Hosianna! Davos ist so nett wie ihr! (Demonstranten beim Weltsozialforum in Porto Allegre) Foto: dpa

Globophobe, ruft Hosianna! Davos ist so nett wie ihr! (Demonstranten beim Weltsozialforum in Porto Allegre) Foto: dpa

DAVOS. Und siehe da, das Resultat hätte auch in Porto Allegre, wo sich die Antiglobalisierer treffen, erzeugt werden können. Armut, Globalisierungs-Ungerechtigkeit und Klimakrise landeten an der Spitze der Agenda.

Wozu noch zum Protestieren kommen? Was vielleicht mal als kapitalistische Weltverschwörung in Davos angefangen haben mag, ist längst zum Klub des Korrekten geworden. Das Motto von 2005 lautet "Taking Responsibility for Tough Choices" - "Verantwortung übernehmen für harte Entscheidungen". Zur Einstimmung hatte das World Economic Forum (WEF) ein Hochglanzheft namens Global Agenda an die Teilnehmer verteilt. Kein Katalog der "tough choices", sondern ein Kompendium des politisch Korrekten.

Selbstverständlich mahnt Kofi Annan gleich im ersten Beitrag bei den großen Unternehmen Unterstützung für die kollektive Sicherheit an, die ein Kerngeschäft der UN ist. Richard Holbrooke, einst Botschafter in Bonn, der so gern Außenminister bei Al Gore und John Kerry geworden wäre, erklärt, warum die Bushies alles falsch gemacht haben. Insbesondere sei das Besatzungsregime im Irak unter Leitung von Paul Bremer eine "Katastrophe der US-Außenpolitik" gewesen.

Eine amerikanische Akademikerin, Anne Slaughter, -Marie wünscht sich tätige Reue von ihrem Land: Amerika möge all die internationalen Institutionen wieder aufbauen, die es in einem Wutanfall von Unilateralismus eingerissen habe. Das Amerika-Bashing geht weiter mit Mahmood Mandami, der an der Columbia Universität in New York lehrt. Die Botschaft: Amerika sei verantwortlich für den islamistischen Terror: "Amerika hat den rechtsextremen Islam nicht geschaffen, aber dieser Ideologie eine Infrastruktur des Terrors verliehen." Originell.

Diverse pro-palästinensische Stimmen dürfen sich über den Nahen Osten auslassen und die Verantwortung für den Nicht-Frieden bei den Israelis abladen. Eine israelische Stimme gibt es in diesem Heft ebenso wenig, wie die eines Bush-Afficionado. Dafür darf der Außenminister des Iran, Kamal Kharrazi, im Brustton der Empörung erklären, dass Iran überhaupt keine Atomwaffen-Ambitionen hege - aber wenn doch, dass daran die Amerikaner mit ihrer "doppelten Moral" schuld seien, weil sie den Israelis die Atomwaffen nicht aus der Hand schlagen.

Die Liste der prominenten üblichen Verdächtigen geht weiter mit Michail Gorbatschow, der die bekannten Appelle gegen die globale Armut wiederholt. Derweil appelliert Gordon Brown, der Mann vom linken Labour-Flügel, der Tony Blair beerben will, an die reichen Länder, mehr Geld für die Armen zu spenden.

Wenn sich Attac und alle Globophoben bloß die Mühe machen würden, sich das WEF-Program anzusehen, würden sie nicht zum Protestieren auf die Promenade, die Hauptstraße von Davos, kommen, sondern zum Hosianna-Rufen. Zumindest hier geben sich die Kapitalisten der Welt so politisch korrekt wie eine PDS-Versammlung am Prenzlauer Berg. Von "harten Entscheidungen", wie das Motto von 2005 lautet, keine Spur. Wir wollen alle nett miteinander sein (bevor wir morgen eine andere Firma aufkaufen und die Hälfte entlassen).

Aber ein bisschen Machtkampf muss schon sein. Als Jacques Chirac, der französische Präsident, erfuhr, dass sein Erzrivale Tony Blair das WEF 2005 mit einer Keynote Speech eröffnen werde, schob er sich mit einer "Sonderbotschaft" per Satellit an die Spitze der Agenda. Wir wollen zwar alle lieb und nett zueinander sein, aber nicht ganz auf Machtpolitik und Eitelkeitsrituale verzichten.

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