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02.01.2002

10:00 Uhr

Weitere Stabilisierung

Jahresausblick: Analysten erwarten 2002 keine Rally

VonCLAUDIA WÖLLNER und ROLAND SCHWEINS (Handelsblatt.com)

Für das kommende Jahr erwarten Analysten eine deutliche Stabilisierung an den Aktienmärkten. Die Mehrzahl der Experten sieht den Dax auf Jahressicht bei 6000 Punkten oder sogar oberhalb dieser Marke. Auch an den US-amerikanischen Leitbörsen werden moderate Kursgewinne erwartet. Den Dow-Jones-Index sehen die Experten durchschnittlich bei 11 000 Punkten.

DÜSSELDORF. Das vergangene Jahr war für Aktionäre schlecht. Um so mehr erhoffen sie sich, dass 2002 wieder ein Jahr der Aktie wird. Handelsblatt.com hat Analysten zu ihren Prognosen befragt:

Berenberg-Bank: Optimismus für die Märkte

Sehr optimistisch gestimmt ist Wolfgang Pflüger, Chef-Volkswirt von der Berenberg Bank. Zurzeit lägen die Zinsen unter dem Niveau von 1998, als der Dax bis auf 6 300 Punkte stieg. Durch die niedrigen Leitzinsen würde sehr viel Geld in die Wirtschaft gespült. Daher sei ein Dax-Stand von deutlich über 6 000 Punkten auf Jahressicht möglich. Der US-amerikanische Dow Jones-Index könne sogar seinen historischen Höchststand von mehr als 12 000 Punkten erreichen.

Pflüger macht seine Erwartung daran fest, dass die USA die Weltwirtschaft zwar in den Abschwung geführt habe. Das Platzen der Hightech-Blase habe die Wirtschaft jedoch nicht in ihrer gesamten Breite erfasst. Daher dürfe es genügend Potenzial für einen konjunkturelle Erholung geben. Der Experte rechnet damit, dass die USA ihr Rezessionstal bereits im kommenden Frühjahr verlassen werden und damit auch die europäische Wirtschaft wieder beleben können.

WestLB Panmure: Es droht eine Liquiditätsblase

Dass nicht Fundamentaldaten, sondern Liquidität den Markt nach oben treibt, sehen die Analysten der WestLB Panmure hingegen als sehr gefährlich an. Ihr Kursziel für den Dax beträgt daher lediglich 5 300 Punkte. "Wir glauben, dass es nach den abnormalen Kursentwicklungen in den 90-er Jahren wieder zu einer Rendite auf dem Aktienmarkt kommt, die unter zehn Prozent liegt", sagt Aktienstratege Hendrik Garz.

Besonders gefährlich sei, dass das aktuelle Bewertungsniveau bereits die Erwartung einer schnellen und kurzfristigen Konjunkturerholung widerspiegle. Dem entgegen liege die Konjunkturunsicherheit auf dem höchsten Niveau seit 1987. Da ein rascher und auch robuster weltweiter Konjunkturaufschwung alles andere als gesichert erscheine, sei das Risiko einer Liquiditätsblase sehr groß.

In den letzten Jahren sei es möglich gewesen, mit der Wette auf die richtige Branche eine beliebige Aktie zu kaufen und am positiven Trend teilzuhaben. Das würde sich künftig ändern: Investoren würden wieder mehr auf Gewinne als auf Erwartungen schauen.

Konservativ orientierten Anlegern empfiehlt Experte Garz, die Aktien von Allianz-Aktie und RWE zu kaufen oder auch Aktien aus dem Technologiesektor mit ins Depot aufzunehmen. Für unterbewertet hält Garz beispielsweise die Siemens-Aktie. In das chancenorientierte Depot mit entsprechendem Risiko für den Anlegers gehören nach Garz Ansicht Technologieaktien und auch Papiere aus dem Neuen Markt. Er favorisiert Qiagen, Grenke Leasing, Direktanlagebank und FJA.

Hypo-Vereinsbank: Technologiebereich sollte mit Frühindikatoren anziehen

Christian Stocker, Aktienstratege von der Hypo-Vereinsbank erwartet, dass der Dax im ersten Quartal deutlich hinzu gewinnen kann und auf bis zu 5 600 Punkte klettert. In der Jahresmitte sieht er den Index eher seitwärts tendieren. Zum Jahresende prognostiziert er 6 000 Dax-Punkte. Im Jahresverlauf erwartet der Experte eine Schwankungsbreite von 4 500 bis 6 000 Zählern.

"Im ersten Quartal rechnen wir mit einer Stabilisierung der Frühindikatoren", begründet Stocker seine Prognose. Es sei äußerst viel Liquidität zur Anlage auf dem Kapitalmarkt vorhanden. Zudem werde die Aktienanlage wieder attraktiv, weil die Renditen an den Rentenmärkten steigen dürften und die Kurse von Anleihen somit fallen würden.

Kleinanlegern rät Stocker, Aktien aus dem Technologiebereich zu kaufen. Diese entwickelten sich in der Regel parallel zu den Frühindikatoren. Sobald die Unternehmen wieder stärker Investitionen im Technologiebereich Vornehmen würden, dürften insbesondere die Papiere von Siemens, Philips und Nokia davon profitieren.

Hamburgische Landesbank: Reformstau wird ein Thema sein

Da im Jahr 2002 die Bundestagswahl auf der Agenda steht, dürfte auch der Reformstau in Deutschland für die Börse ein Thema werden. Dass es von politischer Seite positive Impulse gibt, ist jedoch höchst fraglich. "Der Reformstau wird hochkochen", sagt Stefan Gäde, Aktienstratege der Hamburgischen Landesbank. "Wir haben in Deutschland ein tolles Potenzial, das aber nicht losgelassen wird. Gäde fordert Reformen bei der Arbeitsmarktpolitik durch flexible Lohnmodelle, die Einführung von Arbeitszeitkonten, stärkere Koppelung von Bezahlung an den Unternehmensgewinn und mögliche Sonderschichten in guten und außerordentliche Betriebsurlaube in schlechten Zeiten.

Für das kommende Börsenjahr ist er eher verhalten gestimmt. Gäde erwartet, dass die zahlreichen Bilanzpressekonferenzen in den Monaten März und April wenig Perspektiven für die Unternehmen aufzeigen werden. "Die Vorstände drücken sich schon lange um klare Aussagen", kritisiert Gäde. Der Experte prognostiziert 5 500 Punkte beim Dax auf Jahressicht. Dabei solle der Dax nicht über 6 000 Punkte steigen, aber auch nicht mehr unter 5 000 Punkte fallen.

Aus fundamentaler Sicht sei der Dax bereits jetzt sehr teuer, der Zeitpunkt zum Einstieg also ungünstig. Gäde rät Privatinvestoren, das erste Quartal abzuwarten und ausgehend von den Unternehmensberichten über die Aktienanlage zu entscheiden. Da er aber in den USA größere Dynamik in der Wirtschaft und in der Politik sieht, rät er mutigen Investoren, auch US-Aktien zu kaufen.

Den Dow Jones-Index sieht der Experte in zwölf Monaten bei 10 500 Punkten. Im Jahresverlauf soll sich der Index zwischen 10 000 und 11 Punkten bewegen. Positiv gestimmt ist Gäde für den technologielastigen Nasdaq-Index: Er erwartet 2 400 Punkte zum Jahresschluss mit einer Schwankungsbreite zwischen 1 900 und 2 400 Punkten.

Trinkaus & Burkhardt: Erhebliches Enttäuschungspotenzial

Die Analysten von HSBC Trinkaus und Burkhardt sehen den Dax im Verlauf des ersten Quartals zwischen 5 000 und 5 700 Punkten. Weiterer Spielraum nach oben - also ein Dax-Niveau deutlich über 5 500 Punkten - sei erst im Falle einer deutlichen Konjunkturerholung oder einer unerwartet starken Erholung der Unternehmensgewinne möglich.

Das organische Wachstum der Unternehmen schwäche sich aber momentan noch deutlich ab. In zahlreichen Branchen hätten sich bereits Überkapazitäten gebildet. Die Erwartungen an die Unternehmensgewinne seien im allgemeinen deutlich zu hoch. Daher bestehe mittelfristig erhebliches Enttäuschungspotenzial für den Markt.

Zyklische Branchen wiesen zurzeit das höchste Kurspotenzial auf. Daher setzten die Banker auf Maschinenbau-, Technologie- und Softwareaktien. Die Kurse von Versicherern dürften sich nach Einschätzung der Experten ebenfalls besser als der Gesamtmarkt entwickeln. Pessimistisch ist HSBC für die Sektoren Chemie, Pharma, Banken, Finanzdienstleister, Konsum und Handel.

"Deutsche Aktien haben sich von ihren Tiefstständen bereits durchschnittlich um 30 % erholt. Wir sind im Moment noch in einer steilen Aufwärtsphase. Die dürfte aber kurz ausfallen. Im Jahresverlauf ist daher mit einer Seitwärtsbewegung zu rechnen", sagt Aktienstratege Volker Borghoff.

Schreiben Sie den Autoren Ihre Einschätzung für das kommende Börsenjahr: c.woellner@vhb.de oder r.schweins@vhb.de.

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