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29.01.2004

08:57 Uhr

Weitspringerin Susen Tiedtke träumt nach langer Wettkampfpause und kurioser Regeneration von einer Olympiamedaille

Vom Hot-Dog-Stand nach Athen

VonDaniel Meuren (Handelsblatt)

Es wird wie immer sein, heute Abend in Erfurt. Susen Tiedtke steht am fernen Ende der Weitsprunganlage. Unruhig geht sie zwei, drei Schritte nach vorn, dann wieder zwei, drei Schritte zurück.

ALZEY. Und dann wird sie anlaufen, elegant wie immer, begleitet vom rhythmischen Klatschen der Zuschauer, die beim internationalen Sportfest in Erfurt ihren Weg bis in die Sandgrube gebannt verfolgen werden. Susen Tiedtke wird springen, aus dem Sand krabbeln, ihre Weite registrieren und zufrieden lächelnd ins Publikum winken. Die Zuschauer werden die fröhlich-beschwingte Art der gebürtigen Berlinerin wie immer lautstark honorieren, auch wenn die gemessene Weite mehrere Dutzend Zentimeter unter internationalem Spitzenniveau liegt.

Hauptsache ist, dass die 35-Jährige, ob ihres aparten Auftretens gleich mehrfach zur "Miss Leichtathletik" erkoren, nach einer langen Pause zurück ist. Und somit einer der strahlendsten Sterne der deutschen Leichtathletik. Bei den Olympischen Spielen in Athen will Tiedtke nach zwei Teilnahmen an den Spielen in Barcelona und Sydney gleich doppelt ran, im Weit- und Dreisprung. "Im Dreisprung ist ja in Deutschland fast nichts los. Die Olympianorm von 14,20 Meter sollte ich schon schaffen", sagt Tiedtke selbstbewusst, schon lange bevor sie im März in Südafrika erstmals in ihrem Leben in einem Wettkampf drei Sprünge hintereinander machen wird. "Weit- und Dreisprung sind sich so ähnlich, dass das machbar ist. Früher habe ich das nur aus Angst vor Verletzungen nicht gemacht." Das Selbstvertrauen der 35 Jahre alten Athletin vor ihrem Comeback verblüfft. Ihren letzten Sprung setzte sie vor 18 Monaten in den Sand, ihre Weitsprung-Bestweite von genau sieben Metern sprang sie vor einem Jahrzehnt. 2002 schien ihre Karriere ein Ende zu nehmen. Verletzungen hatten ihr die Lust aufs Training geraubt.

"Ich war mental nicht mehr in der Verfassung für Leistungssport", sagt Tiedtke heute. Zum Regenerieren suchte sie sich einen ungewöhnlichen Ort aus: Am Hot-Dog-Stand ihres Freundes, mit dem sie seit einigen Jahren in Alzey bei Mainz wohnt, verkaufte sie Würstchen. Teils hämische Schlagzeilen waren die Folge. "Ich möchte das zwar später nicht unbedingt wieder machen. Aber es war dennoch eine tolle Zeit", sagt Susen Tiedtke in gewohnter Offenherzigkeit, die böswillige Beobachter gerne als naiv bezeichnen. Ihr habe der Umgang mit den Kunden auf Schulhöfen, vor Supermärkten oder bei Festen Spaß gemacht. Das vermisse sie, wenn sie nun jeden Morgen und Nachmittag auf dem Gelände ihres neuen Vereins Eintracht Frankfurt trainiere. Ohne Trainer. Nur beim monatlichen Besuch bei ihrem Vater, der wie früher ihre Sprungtechnik analysiert, übt sie unter Anleitung.

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